Montag, 8. Juli 2013

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (1)


Schreie am Morgen

Irgendein Gebrüll weckt mich. Ich schiele links auf die Armbanduhr, die auf dem Nachttisch liegt und sehe, es ist noch nicht mal halb sieben durch. Draußen schreit’s nach Krieg und Frieden und ich geh rüber zum Fenster, um zu sehen, was da vor sich geht. Eine kleine dicke Frau steht auf der anderen Seite neben der Bushaltestelle und wartet. Keine zehn Meter von ihr entfernt lehnt sich ein Typ, noch total verschlafen mit freiem Oberkörper und Fell wie’n Yeti auf der blassen Haut aus dem Fenster und schreit zu ihr rüber. „Hey. Hey. Hey. Bist du taub, oder was?“ Die Frau reagiert nicht und ich erkenne kurz darauf die Schnur, die vor ihrem Oberkörper baumelt und bis zu den Ohren reicht. Sie steht da, wartet und hört ihre Musik aus den Kopfhörern. Sie wartet und wartet und er schreit und schreit. Wann kommt endlich dieser Bus, frag ich mich. Das Dickerchen noch immer in Gedanken bei dem Lied, das gerade in ihrem Oberstübchen für entsprechende Stimmung sorgt. Sie stiert einfach geradeaus ins morgendliche Nichts und scheint in einem Traum versunken zu sein. Und der Bär der brüllt noch immer aus dem Fenster, als würde die ganze Hütte brennen. Einen Moment später verschwindet er im Inneren der Wohnung und kommt mit einer leeren Bierflasche zurück. Er holt aus und schmeißt ihr das Ding vor die Füße. Sie zuckt vor Schreck zusammen und das Glas fliegt über die ganze Straße. Ihr Traum ist buchstäblich in tausend Scherben zerplatzt. Ruckartig reißt sie sich die Kopfhörer aus den Ohren und schaut nach rechts zu ihrer Wohnung, von wo aus die Flasche geflogen kam. In ihrem Blick liegt Entsetzen und Ratlosigkeit und der Typ scheint erleichtert und deutet mit dem Daumen nach drinnen: „Du hast vergessen das Radio auszustellen, das dudelt hier immer noch vor sich her.“ 

- MM

(Foto: Christa Müller)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen