Freitag, 19. Juli 2013

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (4)



Geschichten und Geschäfte

Gegenüber vom Spielplatz sitzt der Junge an manchen Nachmittagen immer, seine dunkelrote Decke auf dem kleinen Stück Wiese ausgebreitet und darauf irgendein Plunder, den er verkaufen will. Beispielsweise drei Videofilme (meistens alte deutsche Schinken), ein paar abgenutzte Karl May Bände, ein Springseil und verschiedene Playmobilfiguren. Vor einiger Zeit hab ich ihm eine Figur für 50 Cent abgekauft. Sie steht bei mir in der Küche neben meiner Topfpflanze. Aber die eigentliche Geschichte geht so:
In der Nacht zum Samstag, in der letzten Woche war der Vater des Jungen nach einer durchzechten Kneipentour erst sehr spät oder besser gesagt sehr früh nach Hause gekommen. Er legte seine Kleidungsstücke ab und bemerkte schnell wie ihm die heimische Umgebung im Kopf, sowie im Magen zu schaffen machte. Nur in Unterhose bekleidet verbarrikadierte er sich im Badezimmer, um die mahnenden und zum Teil brüllenden Worte seiner Ehefrau, die demnächst aufwachen sollte auf Distanz zu halten. Die ersten Würgegeräusche, die aus dem Bad kamen weckten die gute Frau also auf und sofort wurde Stellung vor der Badezimmertür  bezogen. Sie klopfte und brüllte und irgendwann als die Sonne am Himmel auftauchte erreichte sie das Gefühl, sich dringend erleichtern zu müssen. Der Junge hatte im Kinderzimmer währenddessen seit den ersten Flüchen seiner Mutter gen Badezimmertür kein Auge mehr zugetan. Irgendwann zu früher Stund trat er dann hinaus, sah die Klamotten seines Vaters, die verstreut im Wohnzimmer lagen und erhaschte einen kurzen Blick auf seine Mutter, die sich zur gleichen Zeit auf dem PVC des Flurs entleerte. Später beschwerte sich der Vater nicht nur lauthals über einen verunreinigten Flurboden, sondern vielmehr ging es ihm um 150 Euro, die seine Frau ihm aus der Brieftasche geklaut haben soll. Natürlich leugnete sie alles und er war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob das Geld möglicherweise doch in der Kneipe verzockt wurde. „Vielleicht hab ich aus Trotz in den Flur geschissen, aber Geld hab ich dir nicht gestohlen“, erklärte die Mutter abschließend und die Sache war erledigt. 
Solche Geschichten erreichen einen in manchen Stadtteilen wie Supermarktprospekte, die in den Treppenhäusern ausliegen. Bevor ich tags darauf  überhaupt einen Fuß nach draußen auf die Straße setzten konnte, informierte mich die alte Dame von unten über jene ereignisreiche Nacht im Haus drei Straßen weiter. Ich nahm mir vor, dem Jungen später am Tag wieder etwas abzukaufen, um ihn aufzumuntern sozusagen. Zu meiner Überraschung lagen auf der Decke diesmal drei alte Henry Miller Bücher und eine ziemlich neue DVD von Michael Ciminos Die durch die Hölle gehen. „Ich nehm die Bücher und die DVD.“ „15 Euro“, sagte er. „Das ist ein äußerst fairer Preis.“ „Ja, so macht man Geschäfte“, sagte er stolz. Ich nickte und bezahlte. „Wie laufen die Geschäfte denn so?“ fragte ich und reichte ihm das Geld. Er zog eine schwarze Geldbörse hervor, verstaute mein Geld und zog kurz darauf 150 Euro hervor. „Geschäfte laufen nicht schlecht“, sagte er, “gar nicht schlecht.“  

- MM

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