Montag, 12. August 2013

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (6)



Fackelträger

Es war zwei Uhr morgens und ich konnte nicht schlafen, wie es so oft der Fall war. Mir fiel nichts ein, was ich anstellen könnte. Keine Lust aufzustehen, keine Lust liegenzubleiben. Ein völliges Durcheinander meiner Willenskraft und kein Fünkchen Ambition meinen Arsch auch nur fünf Zentimeter weit zu schleppen. Schließlich schaffte ich es in die Küche, torkelnd wie ein hart angeschlagener Boxer, auf dem Weg in seine Ecke. Ich steckte mir eine Zigarette an und setzte mich an den Esstisch. Lange Überlegungen ins Nichts hinein. Was am Ende bleibt ist ein stilles Zimmer in der Mitte der Nacht und viel Rauch um nichts. Dann hörte ich das Jaulen von draußen, es war vielmehr ein Kreischen und dann sah ich einen jungen Mann, mitten auf der kleinen Kreuzung stehen, in seiner rechten Hand eine bengalische Fackel, die er gen Himmel hielt. Er fing an „You’ll never walk alone“ zu singen, doch er war nicht besonders textsicher, aber darauf schien es ihm sowieso nicht anzukommen. Sein Singen wurde leiser und verstummte schließlich. Meine Zigarette war inzwischen verglüht und so erlosch auch das bengalische Feuer, das noch wenigen Augenblicken zuvor die Straßen in ein schrilles Rot getaucht hatten. Das Licht verblasste, doch der Arm des Fackelträgers stand noch kerzengrade noch oben gerichtet. Ein Reisender, ein Suchender, ein Seemann inmitten des tiefen schwarzen Meeres. Dort draußen ganz allein, umgeben vom Nichts. Nun konnte ich endlich schlafen. 

- MM

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