Donnerstag, 14. November 2013

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (12)


Um ein Haar

Kurz nachdem ich in den hinteren Wagon eingestiegen war, hörte ich ein lautes Rülpsen von weiter vorn. Drei junge Mädels, eine davon hielt sich die Hand vor den Mund, kicherten los und liefen rot an. Die S-Bahn setzte sich kurz darauf in Bewegung. Die Zugestiegenen nahmen Platz. Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Der Himmel grau, ein kleines Licht hatte sich in den Wagon verirrt und zitterte durch die Fensterscheibe über die Sitze. Ich sah mich kurz um. Malergesellen, Einzelhandelskauffrauen mit Smartphone in der Hand, ein paar alte Männer und Frauen mit traurigen, müden Gesichtern. Weiter hinten saß ein Mann, mit Vollbart, dicker Strickpullover, bis oben zugeknöpft, ein fades Abbild von Al Pacino als Serpico. „Die Fahrkarten, bitte.“ Zwei Kontrolleure bahnten sich ihren Weg durch meinen Wagon. Ich hatte keine Fahrkarte, da ich nur eine Station fahren wollte. Ja, auch dies ein Vergehen, aber ich bitte Sie. Wie vom Blitz getroffen hielt die Bahn mitten auf der Brücke an. Der Fahrer entschuldigte sich. Es würde gleich weitergehen, versicherte er uns, doch wir standen und standen und egal wie sehr ich mich von den Kontrolleuren entfernte, sie kamen doch immer näher und die Bahn wollte einfach nicht weiterfahren. Es gebe ein technisches Problem, kam es durch die Lautsprecher, doch das interessierte mich nicht. Ich wollte eine Lösung und kein Problem. Schließlich kamen zwei Schwarzfahrer- Sheriffs auf mich zu, zwei unscheinbare Typen in grauen Mänteln, aber mit den nötigen Ausweisen. Der Serpico-Typ hatte seine Hand unter dem Strickpullover versteckt, als würde er jeden Moment ein Messer hervorziehen und zustechen. Einer der grauen Männer kam zu mir, der andere ging zu Serpico. Er reagierte erst nicht darauf und auch ich versuchte Zeit zu schinden. Es war als würde der eine auf den anderen warten. Wer stach zuerst zu und würde demnach dem anderen die Strafe als Schwarzfahrer ersparen? Dann kam seine Hand zum Vorschein. Sie hielt einen Fahrschein in der Hand. Er war gültig. „Ihr Fahrschein, bitte“, sagte der Kontrolleur erneut zu mir. Ich schüttelte den Kopf. Hätte Serpico zugestochen, Freunde oder hätte die Bahn nicht so lange gehalten. Um ein Haar wäre ich aus der Sache rausgekommen. Ich hatte verloren und wir fuhren weiter. 

- MM

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