Samstag, 15. März 2014

Wer brauch noch Feinde...?

"Vor Jahren bin ich in New York an einen Taxifahrer geraten, bei dem es mir schwerfiel, seinen Namen auf dem Schild am Armaturenbrett zu entziffern, und da erklärte er mir, er sei Pakistaner. Er fragte mich, woher ich käme, und als ich sagte, ich sei Italiener, wollte er wissen, wie viele wir sind, und war erstaunt über unsere geringe Zahl und dass unsere Sprache nicht Englisch ist. Schließlich fragte er mich, wer unsere Feinde seien. Auf mein 'Wie bitte?' erklärte er mir geduldig, er wolle wissen, mit welchen Völkern wir seit Jahrhunderten im Krieg lägen, wegen territorialer Ansprüche, ethnischer Aversionen, ständiger Grenzkonflikte und so weiter. Ich antwortete ihm, dass wir mit niemandem im Krieg lägen. Geduldig setzte er mir auseinander, er wolle wissen, wer unsere historischen Feinde seien, unsere Erbfeinde, also diejenigen, die uns umbrächten und wir sie. Ich wiederholte, dass wir keine Erbfeinde hätten, dass wir den letzten Krieg vor über fünfzig Jahren geführt haben und dass wir dabei am Anfang einen anderen Feind hatten als am Ende. Er war nicht zufrieden."

- Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften, Umberto Eco

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