Dienstag, 30. Dezember 2014

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (20)

Knall kurz vor Mitternacht

Milo hielt sein Luftgewehr in den Händen. Seine Augen leuchteten. Er hatte natürlich auch Kugeln und Papierzielscheiben. Eine davon klebte er an die Wohnungstür. Am Ende des Flurs saß er sich mit Glas und der halbleeren Pulle Jack Daniels auf den Boden und schob die Kugeln ins Gewehr. Zwischen den Schüssen nahm er einen Schluck und lachte. Jedes Mal knallte es gegen das Holz der Tür, wenn die Kugeln abprallten und Milo musste ein paar Mal sogar ausweichen. Im Treppenhaus ging das Licht an. Milo konnte es durch seinen Spion sehen. Jemand kam schnell die Treppen hoch. Natürlich Herr Finkenhagen. Es klopfte heftig gegen die Tür. „Was ist das hier für ein Krach?“ rief der Nachbar von draußen. „Kommen Sie doch rein, Schlüssel liegt unter der Fußmatte,“ sagte Milo, lud sein Gewehr nach und legte wieder an. „Was knallt denn da dauernd gegen ihre Tür? Sie können in einer Stunden auf der Straße knallen.“ „Wen soll ich auf der Straße knallen?“ Milo schoss auf seinen Spion, doch verfehlte um ein paar Zentimeter. „Hören Sie mit dem Ärger auf, oder ich rufe die Polizei.“ „Herr Finkenhagen?“ „Was?“ „Ich hab jetzt ein Gewehr, Nachbar.“ „Und damit schießen Sie gegen ihre Wohnungstür?“ „Ja.“ „Ich werde morgen dem Hausmeister Bescheid sagen.“ „Kommen Sie doch rein, Fickenhagen und trinken Sie was mit mir.“ „Nein, danke. Ich möchte mit ihnen nichts trinken. Machen Sie sich auf was gefasst.“ Milo hörte, wie sein Nachbar wieder zurück zu seiner Wohnung ging. Das Licht im Türspion schloss sich wie ein Auge. Milo stand auf, holte sich einen Kanonenschlag aus der Küche, öffnete die Tür, zündete den Knaller an und warf ihn das Treppenhaus hinunter. „Na, dann nicht, Nachbar“, rief er und verschwand wieder in seiner Wohnung. Es war kurz vor zwölf.

- MM

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Frohe Weihnachten, Freunde der Nation!

Wir hören und singen schöne Lieder und erzählen uns Geschichten über das Leben....




Der Schwarze setzte sich auf seine Pritsche und wiegte sich hin und her. Er sang:

Flyin home
Fly like a motherfucker
Flyin home

Immer wenn ich in meinem Leben Ärger gekriegt hab, sagte Ballard, lag's an Whiskey oder Weibern oder beidem. Das hatte er Männer oft sagen hören.
Und wenn ich in meinem Leben Ärger gekriegt hab, lag's daran, dass ich mich hab erwischen lassen, sagte der Schwarze.
Nach einer Woche kam der Sheriff eines Tages den Flur entlang und nahm den Nigger mit. Flyin home, sang der Nigger.
Und ob du fliegen wirst, sagte der Sheriff. Heim zu deinem Schöpfer.
Fly like a motherfucker, sang der Nigger.

aus


Donnerstag, 11. Dezember 2014

Logic In The House Of Sawed-Off Telescopes

I want to sniff the glue that holds families together.
I was a good boy once.
I listened with three ears.
When I didn’t get what I wanted, I never cried.
I banged my head over and over on the kitchen floor.
I sat on a man’s lap.
I took his words that tasted like candy.
I want to break something now.
I am the purple lips of a child throwing snowballs at a taxi.
There is an alligator in my closet.
If you make me mad, it will eat you.
I was a good boy once.
I had the most stars in the classroom.
My cheeks overflowed with rubies.
I want to break something now.
My bedroom is so dark I feel like an astronaut.
I wish someone would come in and kiss me.
I was a good boy once.
The sweet smelling woman used to say that she loved me.
The man with the lap used to read me stories.
swing me in his arms like a chandelier.
I want to break something now.
My heart beat like the meanest kid on the school bus.
My brain tightened like a fist.
I was a good boy once.
I didn’t steal that kid’s homework.
I left a clump of spirit in its place.
I want to break something now.
I can multiply big numbers faster than you can.
I can beat men who smoke cigars at chess.
I was a good boy once.
I brushed my teeth and looked in the mirror.
My mouth was a spectacular wound.
Now it only feels good when it bleeds.

- Jeffrey McDaniel

Freitag, 5. Dezember 2014

Demnächst: Inherent Vice



Nach dem Neo-Noir Buch "Natürliche Mängel" von Thomas Pynchon. Verfilmt von P.T. Anderson (There Will Be Blood), mit Joaquin Phoenix. Kommt im Februar '15 in die Kinos. Hier schon mal der Trailer...


Hundstage

Damals dachte ich häufig, dass ich mit der ganzen Sache sicher besser umgehen könnte, wenn Rachel bei mir geblieben wäre. Bei Mortuary Affairs gehörte ich nicht so recht dazu, und sonst wollte niemand mit mir reden. Ich war schließlich bei der Einheit, die die Leichen wegräumt. Wir hatten alle Flecken auf den Tarnklamotten. Der Geruch zieht einem in die Haut. Nach dieser Arbeit fällt das Essen schwer, also waren wir gegen Ende des Einsatzes völlig ausgemergelt und außerdem nie ausgeschlafen, weil wir immer Alpträume hatten. Wir schlurften über den Stützpunkt wie Zombies und erinnerten die Marines an all das, was sie wussten, worüber sie aber nie sprachen.

aus


Mittwoch, 3. Dezember 2014

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (19)

Der Rest vom Traum

Ein Kinderschrei hallte durch die Nacht. Darauf folgte ein Schuss. Ich war mir nicht mehr ganz sicher, was von beidem mich letztendlich aus dem Schlaf gerissen hat. Vielleicht war auch beides nur ein Traum. Beunruhigt stand ich auf und ging in die Küche. Ich ließ mir Wasser in ein Glas laufen, stellte mich raus auf den Balkon und trank. Gedankenverloren blickte ich mich um. Es war halb fünf Uhr morgens. Eine ganz beschissene Zeit. Die Nacht ist schon nicht mehr so richtig da, aber der Morgen traut sich auch nicht aus seinem Versteck. Was war mit dem Schrei? Hatte jemand vor wenigen Augenblicken etwa sein Kind erschossen? Als ich selbst noch Kind war, hatte mal jemand in unserem Wohnviertel damit gedroht, sein Kind aus dem Fenster zu werfen. Wie fertig, wie stoned, wie abgefuckt musst du sein, um an diesen Punkt zu kommen? Am Ende hatte er doch eingelenkt und dem kleinen Jungen war nichts passiert. Ich hoffe diese Nacht war das ebenfalls so. Man weiß, dass da draußen gerade viel Scheiße passiert. Dinge, die einen um den Schlaf bringen, aber man betet, dass die eigenen Straßen davon verschont bleiben. Ich sagte mir, dass alles nur in meinem Traum stattfand. Natürlich war es so. Würde man nicht schon lange die Sirenen hören, wenn tatsächlich was passiert wäre? Aber vielleicht kümmert es auch niemanden. Wieso auch? Es war ja nur mein Traum und es war nicht mal ein ganzer. Es war nur der traurige Rest. 

- MM