Donnerstag, 7. Mai 2015

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (25)

Tauben scheißen, Tauben schießen

Sein Schlitten war schwarz lackiert, ein mattes Schwarz. Das hat Stil, hatte er gesagt, so ist man richtig unterwegs. Dass mit dem Unterwegsein, war an dem Sonntagmorgen auch nicht das Problem, es war vielmehr der Parkplatz, den er sich ein paar Stunden zuvor ausgesucht hatte.
Spät in der Nacht, Udo war angetrunken, konnte aber noch gut seinen Benz auf den Hinterhof steuern. Er parkte seinen Traum auf vier Rädern direkt unter dem großen Birkenbaum. Er stieg aus, schloss ab, ging gerade den Hof hinunter und verschwand irgendwann im Haus.
Er schlief sich aus, ging duschen, nahm was gegen die leichten Kopfschmerzen und machte sich auf den Weg zu seinem Lieblingsbäcker. Dort gab es die besten Bagels.
Udo blieb vor seinem Auto stehen. Sein einst aufgrund der letzten Nacht etwas geknickter Körper nahm eine steife, kampfbereite Haltung an. Doch die Gegner, der ihm bevorstehenden Auseinandersetzung waren allesamt weggeflogen. Er konnte sie jedenfalls nicht zwischen den Ästen erkennen. Hoch oben, über seinem bis auf den letzten mattschwarzen Fleck zugeschissenen Benz gab es nichts außer Geäst und Blätter zu sehen. Es müssen Dutzende Tauben gewesen sein, die sich ihre Schisse für eine ganz bestimmte Zeit und einen ganz bestimmten Ort aufgespart hatten.
Dann kamen sie wieder, als ob sie ihr Werk und den damit verbundenen Gesichtsausdruck von Udo bestaunen wollten. „Mistviecher“, drang es aus Udos Kehle. Er machte kehrt, ging hoch in seine Wohnung und kam wenige Augenblicke später mit einem Luftgewehr in den Händen auf dem Balkon wieder zum Vorschein. Er legte an und drückte ab. Es erwischte die Taube seitlich, sie versuchte zu fliegen, doch fiel kurz darauf wie ein Stein zu Boden. Die anderen Vögel flogen vor Schreck davon. Udo schoss weiter. Nachladen und schießen. Nachladen und schießen, bis weit und breit kein Vogel mehr zu sehen war. Nur das arme Vieh, das er als erstes ins Visier genommen hatte und nun auf dem Asphalt mit dem Tod kämpfte war geblieben. Die Flügel zitterten, der Kopf wackelte leicht von einer Seite zur anderen. Udo blickte nach unten, sah, wie sich das Federvieh quälte und ging wieder hinunter auf den Hinterhof. Nur er, sein Gewehr, die halbtote Taube und die ganze Scheiße auf seinem Benz. Udo legte an, zielte aus zwei Zentimetern Entfernung direkt auf den Kopf des Vogels, der nun ruhig auf dem steinernen Boden lag und verpasste ihm den Gnadenschuss. 

- MM

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