Samstag, 11. Juli 2015

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (29)

Weltall und so 

„Heute ist mir was komisches passiert“, sagte ich und erzählte dem alten Bernie die Geschichte von dem Typen, der in dem Zeitarbeitsbüro seinen Schwanz rausgeholt hat.
„Die Menschen drehen so langsam durch“, sagte er und beugte sich zu mir rüber, um seine Flasche an meine zu stoßen.
„Guck mal da oben.“
Ich schaute auf. Ein wolkenloser blauer Himmel.
Bernie sitzt seit Jahren auf dem Sofa, das auf der kleinen Wiese des Vorgartens vor seinem Haus steht. Er trinkt und erzählt Geschichten.
„Sie werden kommen und mich holen und dann fang ich irgendwo 20.000 Lichtjahre von hier entfernt ganz neu an.“
Wir verweilten mit der Stille und unseren Bieren. Die Stadtgeräusche waren fern. Autos, Kinderrufe, Hakenschuhe auf dem Asphalt, Hupen, Bremsen. Nichts davon zu hören. Dann irgendwann kamen die Kirchenglocken. Zwölf Uhr mittags. Ich trank aus und stand auf.
„Warte kurz“, sagte Bernie und deutete auf den freien Platz vom Sofa, auf dem ich bis eben noch gesessen hatte. „Schau mal drunter…“
Ich klappte das Kissen hoch und fand eine kleine Supermarkttüte.
„Das ist für dich“, sagte er lächelnd und trank seine Flasche in einem Zug leer. Ich warf einen kurzen Blick in die Tüte. Darin befanden sich eine Bibel, ein Buch über die Raumfahrt und ein beschriebenes Blatt Papier mit der Überschrift: Letzter Wille und Testament Bernhard Kunze. Darunter stand: Weltall und so. Ich machte mir darüber keine Gedanken, bedankte mich mit einem Nicken und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Dies sollte das letzte Mal sein, dass ich ihn zu Gesicht bekam. Zwei Abende später kam ich wieder an seinem Sofa vorbei. Er war verschwunden. Die Anwohner erzählten von merkwürdigen Lichtern am Himmel, die sie an den vergangenen Abenden und Nächten beobachtet hatten. Kurz darauf war Bernie weg. Keiner weiß auf welchem Stern er jetzt lebt, aber ich vermisse ihn.



- MM

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