Sonntag, 30. August 2015

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (32)

Meerjungfrauen

Am Tisch setzten wir kleine Beträge. Mein Blatt war miserabel, aber ich hatte sowieso den ganzen Abend schon miserable Blätter gehabt. Ich hatte mich daran gewöhnt. Mein Blick ging immer wieder rüber zu Frank, der nun vorsichtig seine Hand in Richtung von Marios Portemonnaie führte, das einfach so auf dem Tisch lag.
„Frank“, rief Gabriel und schüttelte den Kopf, „lass das mal sein.“
„Der hat soviel Geld, dem macht das nichts aus“, sagte Frank und nahm langsam Marios Portemonnaie in die Hand. Mario war vor knapp einer Dreiviertelstunde eingeschlafen. Er gab keinen Laut von sich. Kein Schnarchen, Pusten, Schnaufen, oder ähnliches. Mario schlief ganz ruhig, die Arme vor seinem Brustkorb verschränkt, den Kopf herabhängend. Er bekam gar nichts mehr mit. Frank klappte dessen Portemonnaie auf und sah hinein. Verwundert zog er Fotos heraus. Keine von den Kindern, Neffen, Nichten, dem Heiland oder der Ehefrau. Es waren sechs oder sieben Fotos von Meerjungfrauen.
„Guckt mal,“ sagte Frank und zeigte uns die Fotos, „was soll das denn?“
„Jetzt steck es wieder zurück und halt die Schnauze, Frank, du hast eben nichts ins Marios Brieftasche zu suchen“, pfiff Gabriel ihn an.
Mario schaute auf die Fotos und schüttelte den Kopf. Er nahm sich ein Foto, schob es sich in die Brusttasche seines Hemdes, steckte den Rest zurück in Marios Brieftasche und legte es wieder auf den Tisch, ohne auch nur einen Cent einzusacken.

- MM

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