Sonntag, 25. Oktober 2015

Gedicht des Tages

Wenn die Nebel aus den Wiesen steigen,
Werd' ich mir die Haut aufschneiden.
Zwei Faden unterm Schlüsselbein,
Lass' ich das weiße Meer hinein.

Ich steche mir die Augen aus,
Ohne Fenster ist das Haus.
Schlag' mir schön den Schädel ein,
Dann schneit es und mein Hirn friert ein.

Ich hacke meine Brust aus Spaß,
Es regnet und mein Herz wird nass.
Öffne meine dicken Venen
Und schenk' dir Sträuße roter Tränen.

Ich schneide wie ein Blatt Papier
Jeden Tag ein Stück von mir.
Leg' dir die Teile auf die Stirn,
Versenke sie in deinem Hirn,
Bis ich winzig und ganz klein
Zieh' dann in deinen Körper ein.

Ich werde auf deine Brüste steigen
Und mir selbst die Aussicht zeigen,
Durch die Lippen kriechen müssen,
Kann ich deine Zunge küssen.

Der Leberfleck auf deinem Bein
Soll meine kleine Insel sein,
Die kleine Narbe wird mein Nest.
Ich halt' mich an den Härchen fest,
Wenn du das blasse Kleid anziehst,
Und weine, wenn du Märchen liest.

- Nebel (aus "Das Messer"), Till Lindemann

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