Donnerstag, 5. November 2015

Notes I Found In Pigtown - Geschichten aus dem Viertel (35)

Herbstinfarkt

Die Bäume sind wieder kahl. Alles, was vor wenigen Wochen noch oben hing und bunt war, liegt nun wie Müll auf der Straße. Es ist still. Je mehr man versucht, etwas in dieser Ecke zu hören, desto stiller wird es. Mauern um einen herum, mit nur einem kleinen Ausgang. Was sich anfangs noch wie ein Spaziergang durch die milde Nachmittagsluft an einem Sonntag anfühlte, verwandelte sich schnell in eine Flucht bis man schließlich in die Sackgasse geriet und sich zwangläufig die Frage stellte, warum man überhaupt losgegangen ist. Je schneller du gehst, desto weiter entfernt sich dein Ziel. Nun stehe ich neben der Mauer, lausche auf eine Hoffnung und schmecke das Nichts, das in der Luft liegt. Ich bewege mich weg. Irgendwo fahren Autos, schreien Ehemänner und Ehefrauen sich gegenseitig an, aber hier regt sich nichts. Eine schöne Gesellschaft habe ich mir gesucht. Ein warmes Plätzchen auf dem Mond. Irgendwo klingelt ein Telefon. Ich blicke zwischen den nackten Ästen hindurch und höre das Echo des Läutens. Irgendwo klingelt ein Wecker auf einem kleinen Nachttisch. Eine Faust setzt sich darauf und verstummt das Telefon gleich mit. Ich gehe weiter, weil es geht. Ein schnelles, dickes Gefährt zerreißt die Stille, bunte Kleider wehen aus den geöffneten Türen und Fanfaren trällern, wie kleine Kinder, die ein Geschenk erwarten. Mein Hunger ist besser als dein Geschmack, großer Mann. Alles vergeht, weil es geht. Eine alte Frau schiebt ihren Enkel in einem Rollstuhl über das Laub. Sie nähern sich und ich kann das blasse, verzerrte Gesicht des jungen Mannes sehen. Seine Augen blicken starr zur Seite, aus seinem Mundwinkel läuft der Speichel auf seine Schulter und ich denke mir, träumt er oder ist er krank? Aber vielleicht ist es auch mein Traum... mein Infarkt.

- MM

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