Sonntag, 31. Dezember 2017

Samstag, 23. Dezember 2017

Rogue Blogue Stories: ENTER SANTA



Er hätte wohl nie daran gedacht Weihnachtsmann zu werden. Wenn er zu seinen Einsätzen fuhr, überkam ihn stets ein merkwürdiges Gefühl. Die Einsätze von früher waren damit nicht zu vergleichen. Gefährlicher, teils blutig gingen sie damals aus. Er arbeitete unter anderem verdeckt und war gut in dem was er tat. Dann ging irgendwann alles schief. Jetzt trug er keine Waffe mehr, sondern einen roten Mantel, eine rote Mütze und war pleite. Er trat auf Weihnachtsmärkten, in Einkaufszentren und an öffentlichen Plätzen in der Innenstadt auf. Es war die Hölle und völlige Zeitverschwendung. Er war zu alt für so was.

Dann kam der Tag, an dem einige Kinder sich bei ihm anstellen konnten, um ihre Wünsche zu äußern. Ein hektischer Tag im großen Einkaufszentrum. Ein kleiner dunkelblonder Junge mit Brille setzte sich auf seinen Schoß und begann von seinem Vater zu erzählen. Er sprach leise und zitterte ein bisschen. Es fiel ihm sehr schwer, doch es musste raus und anscheinend gab sonst niemand, dem er es erzählen konnte.
Der Junge, den er so um die neun oder zehn Jahre alt schätzte berichtete fast schon im Detail über die harten, mit unter brutalen erzieherischen Maßnahmen seines Vaters. Santa fragte, wo die Mutter sei.

"Tot", sagte der Junge.

Als der kleine Mann seinen Wunsch mitgeteilt hatte, sagte Santa, dass er schaue, was sich machen ließe und schmiedete in Gedanken schon einen Plan.

"Wie heißt du überhaupt, mein Junge und wo soll ich das Geschenk hinbringen?"

Der Junge gab ihm die nötigen Informationen und verabschiedete sich.

Es war an Heiligabend. Der alte Mann ließ seinen roten Mantel und seine Mütze zu Hause im Schrank hängen und fuhr in das Viertel im Norden. Wie in alten Tagen observierte er, wartete auf den passenden Moment zuzuschlagen. Nur wenige Fenster waren mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. Es war kurz nach neun Uhr abends. Während er so hinter den Büschen stand und Ausschau hielt, drehte sich ihm einmal mehr der Magen, wenn er an den ganzen Humbug dachte, mit dem er sich zurzeit herumschlug. Dieser Scheiß-Job, die Einsamkeit, die leeren Taschen und das auch noch zu Weihnachten. Jetzt musste halt dieses prügelnde Schwein von einem Vater dafür büßen. Pech. So läuft das nun mal im Leben. Dieser Typ, der ihm doch vollkommen fremd war, ist bestimmt nicht das einzige Arschloch das sich in seinem Radius bewegt, aber der Junge hatte am Vormittag einen wunden Punkt bei ihm getroffen.

Es dauerte eine Weile, aber dann kam der Mann angetorkelt. Es war kurz nach halb elf. Sein Kneipenbesuch war beendet. Während er sich volllaufen ließ, wartete zu Hause der Junge auf sein Weihnachtsgeschenk. Doch dieses Jahr würde es eins geben. Der Vater zündete sich eine Zigarette an und setzte sich auf eine der Bänke, die direkt vor den Büschen stand. Santa schlich sich langsam an, schaute sich im Dunkeln um, ob die Luft rein war, hob die Arme und trat blitzschnell hervor.  Er packte ihn von hinten an der Kehle. Die Zigarette fiel auf den Boden und ein wilder Kampf ums Überleben begann. Der Vater wollte sich umdrehen, doch der Griff war zu erprobt und zu fest. Santa drückte noch energischer zu und ein paar Sekunden später hatte er den Mann bewusstlos auf der Bank liegen.

Santa zog einen Notizzettel und einen Stift aus seiner Innentasche und schrieb einen kurzen Gruß und eine Warnung auf. Er signierte mit Der Weihnachtsmann und wollte dem Vater den Zettel gerade zustecken, als sich dieser plötzlich schnaufend wie ein wildes Tier erhob und ihn mit feuerroten Augen anschaute. Seine Zähne im Mund verwandelten sich in messerscharfe kleine Spitzen und er schien in diesen wenigen Sekunden um gut einen halben Meter gewachsen zu sein. Ganz weit riss das Vieh, das jetzt in Angriffsstellung vor ihm stand das Maul auf. Santa griff unter seinen Mantel, ertaste am Gürtel sein Messer und zog es in aller Ruhe hervor, während sein Blick an dem hässlichen Monster haften blieb.

"Verdammte Scheiße, ich wollte nicht, dass es so endet..." sagte Santa.

Die knochigen großen Hände mit den spitzen Fingernägeln griffen nach ihm. Santa machte schnell einen Schritt zurück und warf dem Vieh das scharfe Messer in den Hals, selbst ein wenig überrascht, wie gut er mit dem Ding noch umgehen konnte.

"Wenigstens ging's schnell."

Das große Vieh, das nun fast nichts mehr von einem Menschen hatte, fiel vor ihm auf den Boden, röchelte noch ein paar Mal, bis das Atmen dann komplett aussetzte.

"Es klappt doch nichts mehr so, wie man sich das vorstellt."

Santa ging rüber zu dem toten Biest, durchwühlte seine Taschen und zog schließlich das Handy hervor. Er wählte den Notruf.

"Holt das verdammte Vieh hier ab und beeilt euch, bevor es noch jemand anders findet und seht zu, dass sich jemand um den Jungen kümmert. Frohe Weihnachten!"

Er hockte sich neben den leblosen deformierten Körper, noch eingehüllt in einen alten Wintermantel, legte das Handy ab und zog dem Monster das Messer aus dem Hals. Warum immer er? Warum immer so? Er wischte das Blut am alten Mantel ab und verschwand in der Nacht.

- MM


Montag, 11. Dezember 2017

Los Perdidos IX


"Wach auf," rief er, doch sie antwortete nicht.

Er drückte ihr Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader. In ihrem Körper war der Tod eingekehrt und tötete in diesem Moment auch einen Teil von ihm. Er setzte sich neben sie, sein Rücken schlaff gegen die Wand gelehnt und kippte ihren Kopf auf seine Schulter. Ihr Körper war noch warm, sein Arm umschlang ihn und hielt ihn fest. Er verglich ihren mit seinem Unterarm. Er konnte zwar keine bestimmte Farbe ausmachen, aber er sah, dass welche es auch immer war, sie beide dieselbe trugen.

Noch einmal küsste er sie und sah sie wieder vor sich, wie sie einst mit ihrer geheimnisvollen Schönheit auf dem Bordstein am Sunset Boulevard saß.

"Sleep now in the fire, Lolita", sagte er und schloss die Augen.

- Letztes Kapitel, Los Perdidos




Freitag, 8. Dezember 2017

Los Perdidos VIII


"Wir sollten uns was am Strand suchen", sagte sie und er stimmte ihr zu.

Curtiz blickte zu den Vögeln, wie sie umherpilgerten und über die Straßen zogen und vertrocknete Würmer, Essensreste und Papier aufpickten. Laternen standen schräg zur Straße gelehnt, an den bröckelnden Wänden trieften Müllsäcke vor sich hin.
Der Van bog ein und verlangsamte seine Fahrt.

"Hallo, ihr Aasgeier," rief Curtiz und lachte.

Hier schien es in Ordnung zu sein. Henry fuhr den Wagen rechts an den Bordstein und sprang mit einem kurzen Jubel heraus. Einige Frauen waren mit ihren Kindern unterwegs, beladen mit Einkaufstüten und Wasserflaschen. Curtiz trat neben ihn, zündete sich eine Zigarette an und deutete auf die verrotteten Läden auf der anderen Seite.

"Ich frage mich, wann dort das letzte Mal jemand eingekauft hat", sagte sie.

"Wir schauen uns mal um..."

- Kapitel 8, Los Perdidos




Mittwoch, 6. Dezember 2017

Schönste Mädchen


SCHÖNSTE MÄDCHEN
Julo Drescowitz 


Mein Kollege,

er sagte

zu mir

sie sei das schönste Mädchen

das er je gesehen hätte;

und er

sagte

da ginge etwas

von ihr,

das noch heute,

drei Tage später,

in ihm schwingen würde.



Also

lief ich

zu dieser Frau,

und sie war

eine Verkäuferin

in einer

Bäckerei

in einem

Supermarkt;

und sie hatte ein

Glasauge,

eisblau und starr;

und sie war

jünger

als ich,

und ich bestellte

Kaffee

bei ihr;

und als sie mir

das Wechselgeld

rausgab

sah ich

ihre Arme;

und sie

waren

voller Narben

voller Schnitte;

und sie

lächelte,

und ihr Lächeln

war

voller Narben

voller Schnitte;

und sie trug ein

Tattoo

auf der Wange

in Form eines

Pfeiles;

und sie trug ein

Tattoo

auf ihrem Zeigefinger

in Form eines

Buchstaben.



Und schließlich

saß ich da

und

sah sie an,

und sie stand

hinter dem Tresen

und

wartete,

als sie plötzlich

zu lachen

begann;

und sie

lachte

und sie sah

mich an

als sie

lachte –

und ihr eisblaues, starres

Glasauge

sah mich

an;

und als sie

fertig war

fegte sie

den Boden;

und es war

als würde sie

schweben

und es war

als würde

ich

schweben.


Montag, 4. Dezember 2017

Los Perdidos VII


"Der Wagen steht drinnen, du weißt ja Bescheid. Bring die Karre dann wieder hier her zurück und lass dir nicht einfallen die Kleine anzumachen, die hat heute Nacht noch genug zu tun, verstanden?"

"Ja, verstanden", sagte Henry und verstaute den Zettel in der Brusttasche seines Hemdes. Müdigkeit überkam ihn und der Drang nach etwas zu trinken. Er wollte eine Coke, eine Riesencoke und sich dann heute Abend zum Strand verziehen. Ein guter Plan, es lagen nur noch knapp 14 Meilen, tausende Autos, die alle nach Westen wollten und ein junges Mädchen, für die er den Chauffeur spielen sollte dazwischen.
Henry schob das Garagentor nach oben und stieg etwas schwermütig ein.

"Ich will das alles nicht mehr. Scheiß aufs Geld", sagte er und startete den Motor.

- Kapitel 7, Los Perdidos



Mittwoch, 29. November 2017

ROGUE SHOTS FÜR DEN ROGUE BLOGUE


SHO(R)T STORIES GESUCHT!!!

Liebe Rogues!

Der Blogue sucht kurze Texte (Umfang ca. 1 Seite). Diese Shots werden dann in unregelmäßigen Abständen immer wieder hier im Blogue veröffentlicht. Wer Anekdoten, Gedanken, Geständnisse, Gedichte, etc. mit der Welt teilen möchte, schickt seine Kurzwerke bitte an rogueblogue@gmail.com

Alles aus dem Pulp Bereich (Krimi, Horror, Sci-Fi, Western) ist erwünscht!

Mal schauen, was so zusammenkommt....?!

Cheers,
MM

Dienstag, 28. November 2017

Los Perdidos VI


Hatte er gesagt, dass er sie umbringen würde? Henry nahm ihr den Burger aus der Hand. Hatte er ihr wirklich gedroht? Hatte er sie eingeschüchtert? Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht. Er wickelte den dampfenden weichen Klumpen aus und biss in die tranige Seite, überzogen von Fett und Ketchup. Er kaute schnell das Fleisch durch und würgte es runter. Seine Zunge leckte über den Ketchup.

"Willst du mit mir mitkommen? Hoch nach Venice. Ich hab da eine Wohnung."

"Du hast eine Wohnung?" fragte er mit vollem Mund.

"Willst du?"

Henry nickte und atmete schwer durch die Nase, während sein Mund wie elektrisiert am kauen war.

"Dann los, wir nehmen den Bus."






Freitag, 24. November 2017

Los Perdidos V


Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und pulte mit seinem Zeigefinger abwechselnd in seinen Brandlöchern herum. Eine Art Selbsthypnose. Er blickte hinab zu den Löchern. Da war nun das Zeichen. Ein Zeichen seiner Armut. Henry machte sich wieder auf, entschied sich zurück in den Süden zu marschieren und sich irgendwo ein Bier zu beschaffen. Dann würde er in den Park gehen, sich in den Schatten setzen und einfach nur dasitzen und die Sonne genießen.
Er zog die Zigarettenschachtel aus seiner Hosentasche und entdeckte das schwarze Feuerzeug inmitten der zahlreichen weißen Glimmstängel. Er nahm es raus, zusammen mit einer Zigarette und musste schmunzeln, ohne jeden Grund. Er rieb den Daumen über das raue Rädchen und schaute direkt in die Flamme, als diese magisch in die Luft sprang. Doch etwas lenkte ihn ab. Ein winziger Schriftzug, ein versteckter Hinweis, der dort zu sehen war, wo man ihn nicht erwarten würde.
Henry steckte das Feuerzeug in seine Tasche, zog geschwind die Zigarette aus seinem Mund und las über die schwarzen Buchstaben, die auf dem weißen Blättchen standen. "WES /"
Er schaute sich um, fühlte sich beobachtet. Trieb da jemand etwa ein listiges Spiel mit ihm?
Er las weiter: "WES / FLO 9am"
Die Nachricht war simpel zu entschlüsseln: Western, Ecke Florence. Neun Uhr morgens.

- Kapitel 5, Los Perdidos




Dienstag, 21. November 2017

Los Perdidos IV



Henrys Worte wurden nun immer undeutlicher.

"Scheiß Sonnenuntergang. Die Sonne hilft mir nicht...ich scheiß auf sie...ich scheiß auf sie alle...alle...fuck off. Fuck!"

Sollte ihn das Meer doch schlucken. Er wollte sich übergeben. Er wollte sich schlafen legen. Er wollte Curtiz an seiner Seite spüren. "Bleib bei mir", sagte er und flehte fast.

Curtiz zerrte ihn aus dem Wasser, doch er half ihr auch dabei, indem er seine Beine wieder zum Gehen animierte. Er lehnte sich auf ihre Schulter und stöhnte. Wenige Meter weiter ließ sie ihn zu Boden.

"Es wird verdammt kalt in der Nacht. Wir brauchen eine Decke." Er drehte sich auf den Rücken.

"Wieso hast du mich eben Lolita genannt?"

"Weil du aussiehst wie Lolita."

"Wer ist Lolita?"

"Ein Mädchen in einem Film", sagte er leise.

"Wirst du dir meinen ersten Film angucken?"

Henry stöhnte auf, hustete zwei Mal und öffnete langsam seine Augen.

"Du wirst nochmal so enden wie Peg Entwistle", sagte er und schob seinen Rucksack unter seinen Kopf.

"Wer ist das denn?" fragte sie.

"Das war auch eine Schauspielerin. Eine britische, junge Schauspielerin," sagte er und hatte noch so seine Probleme mit dem Sprechen. "Die ist auf das H vom Hollywood-Zeichen geklettert und dann runtergesprungen. Da war sie mal gerade Mitte 20, oder so. Damals in den Dreißigern ist das passiert."

"So würde ich mich nie umbringen," sagte Curtiz und grub ihren Fuß in den Sand.

- Kapitel 4, Los Perdidos




Donnerstag, 16. November 2017

Los Perdidos III


"Hörst du zu?" fragte Pherol nach, als er merkte, dass Henry mit seinen Gedanken ganz woanders war. Henry nickte und konzentrierte sich tatsächlich auf das, was Pherol ihm sagte, obwohl er einen Moment lang durch eine junge blonde Frau, die an der Ecke mit zwei Einkaufstüten beladen und einem kleinen Kind im Schlepptau über die Strasse ging, abgelenkt wurde. Sie war blond. Blond? So wie Lolita.

"Ich brauch keine Junkies, die für mich arbeiten. Die bauen nur Mist. Wenn ich dich mit der Scheiße erwische oder du mit zugedröhntem Arsch bei mir vorbeikommst, dann mach ich dich fertig."

- Kapitel 3, Los Perdidos




Sonntag, 12. November 2017

Los Perdidos II


Es war schon nach Mitternacht, als Henry in seinem Viertel im Süden von L.A. ankam. Er war wieder zu Hause und hatte das Gefühl, der Bordstein auf dem er diesmal saß, war viel kälter als der vorherige. Wo war sie hin, diese Lolita? Er nahm einen Schluck aus seiner Coladose, roch die Abgase, die die vorbeirasenden Autos hinterließen und musste immer wieder niesen. Es stank nach Abfällen und Kadavern. Ein winziges Fahrzeug hielt auf der anderen Straßenseite, eine dicke schwarze Frau stieg aus und brüllte herum. Immer wieder zog sie die Fahrertür ihres Autos auf und schmiss sie wieder zu. Henry musste grinsen. Die Verrückten waren noch wach.

- Kapitel 2, Los Perdidos



Donnerstag, 9. November 2017

Kaffee & Smonk


Es war am Vortag des Vortages seines Ablebens durch Mord, und Mundharmonika-Musik lag in der Luft, als E.O. Smonk auf dem umstrittenen Muli über das Eisenbahngleis und den Hügel hinauf zu dem Hotel ritt, wo sein Prozess stattfinden sollte. Man schrieb den ersten Oktober dieses Jahres. Es war seit sechs Wochen und fünf Tagen trocken und staubig. Die Feldfrüchte waren tot. Es war Samstag. Gemäß den Schatten der Flaschen am Flaschenbaum zehn nach drei am Nachmittag.

- Smonk, Tom Franklin

Noch mehr gute Bücher gibt es beim Pulp Master Verlag


Dienstag, 7. November 2017

Fresh Blood




The moon shines on the autumn sky
Growin' cold the leaves all die
I'm more alone than I've ever been
Help me out of the shape I'm in


Sonntag, 5. November 2017

Los Perdidos I


"Fuck, lasst mich alle in Ruhe."

Er blieb ruhig, sagte keinen Ton. Wer immer es auch war, er setzte sich einige Meter weiter rechts ebenfalls auf den Bordstein und wie es sich anhörte, zündete sich dieser Jemand eine Zigarette an. Henry schaute auf, dann kurz nach rechts und dann schräg rüber zum Whisky a Go-Go. Er überlegte, ob er noch mal dort reinschauen sollte, doch er beließ es bei seinem Platz auf der Straße. Er wurde wieder ruhiger und er fühlte sich tatsächlich besser. Wieder ging sein Blick nach rechts.
Da saß ein Mädchen auf dem Bordstein, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt. Erst jetzt schien sie ihm aufzufallen. Sie war blond. Sie imponierte ihm nicht sonderlich, doch er schaute immer wieder hin. Sie trug eine alte dunkelgrüne Strickjacke, eine verwaschene Jeans und ihre abgelatschten Turnschuhe hatten überall Risse. Ihr Gesicht schien emotionslos, etwas eingefallen sogar, aber er konnte nicht leugnen, dass es eine verborgene Schönheit trug. Sie sah aus wie Sue Lyon aus Stanley Kubrick's Lolita. Gott, sie war es. Sie sah ihr unglaublich ähnlich. Ja, kein Zweifel, es war Lolita.

Kapitel 1, Los Perdidos



Freitag, 3. November 2017

My Friend Dahmer


Die Verfilmung von Derf Backderfs Comic über seine Bekanntschaft während der Schulzeit mit dem Serienkiller Jeffrey Dahmer läuft ab heute in den USA. Leider noch ohne deutschen Starttermin, aber das Buch (Metrolit Verlag) ist sehr zu empfehlen!





Dienstag, 31. Oktober 2017

HAPPY HALLOWEEN


VIEL SAURES...

Der Blogue grüßt mit diesen Horror-Streifen der zwei Altmeister Corman & Romero! Ein Klassiker mit Karloff & Nicholson und ein etwas modernerer Zombie-Slasher mit viel Blut! Viel Vergnügen!

THE TERROR:




DIARY OF THE DEAD:





Donnerstag, 26. Oktober 2017

Tom Savini


Am 3. November feiert Tom Savini seinen 71. Geburtstag. Er gehört zu den besten Horror-Make-Up Artists und überhaupt ist der ehemalige Kriegsfotograf, der in Vietnam das Grauen hautnah miterlebte ein gefeierter Typ in der Filmbranche. True Savini Style!



You can't say Horror movies without thinking of Tom Savini

- Alice Cooper


Dienstag, 24. Oktober 2017

Creepshow


...und wir bleiben beim Thema....
das Intro zu einem echten Horror-Klassiker: 
"Creepshow" aus dem Jahr 1982 von George A. Romero, Drehbuch von Stephen King. 
Der Film darf in diesen Tagen einfach nicht fehlen....schaut mal rein....


Freitag, 20. Oktober 2017

Halloween Returns


...wenn auch erst in fast genau einem Jahr. Ab 25. Oktober 2018 (deutscher Termin) ist Myers wieder in Haddonfield unterwegs und bringt auch gleich noch John Carpenter (ausführender Produzent) und Jamie Lee Curtis (wieder als Laurie Strode) mit. Sehr gute Kombination. 




Der letzte grosse Schrecken zum Verschenken


ZEIT ZUM SCHENKEN!

ZU BELA LUGOSIS GEBURTSTAG
GIBT ES DIESEN KLASSIKER 
VON BROWER!

Wer das Buch von Brock Brower haben möchte, 
schickt doch bitte eine kurze Mail an rogueblogue@gmail.com

Happy Birthday, Bela! 


Mittwoch, 18. Oktober 2017

Stranger Things 2



Ab nächste Woche...




Planet Terror


Zur Einstimmung auf Halloween gibt es hier mal die besten Szenen aus einem der genialsten Pulp-Horror Filmen aller Zeiten: "Planet Terror" vom großartigen Robert Rodriguez. Immer wieder gern gesehen!




Sonntag, 15. Oktober 2017

Wolves At The Door


Es war der Mord oder die Morde „made in Hollywood“, auch wenn sie eigentlich in Bel Air stattfanden. Erst jüngst hat Quentin Tarantino vermeldet, dass dieses brutale Verbrechen das um die Welt ging und damals alle schockierte, sein nächstes Filmprojekt werden wird. In zahlreichen Dokumentation, Filmen, Sachbüchern und sonstigen Querverweisen überall in der Popkultur hat die Manson Familie ihre Spuren hinterlassen. WOLVES AT THE DOOR erzählt von der Nacht, in der Sharon Tate, zusammen mit drei Freunden von Mitgliedern der Sekte ermordet wurde. Dabei legt man durchaus Wert auf Details und verzichtet auf bekannte Gesichter. Analyse oder Motivsuche hat man sich gleich ganz geschenkt. Manson wurde unzählige Male interviewt, so auch Susan Atkins, etc. Es bleibt eine Art morbider Mythos. Regisseur John R. Leonetti versucht erst gar nicht in irgendwelche seelischen Tiefgründe herabzusteigen. Er beschränkt sich auf die Spannung und das kaltblütige Morden und er ist vom Fach. Lange Jahre war er Kameramann bei Genre-Perlen wie THE CONJURING (2013), aber Leonetti ist ein Hollywood-Veteran, schon bei CHUCKY 3 (1991) war er für die Kamera verantwortlich, Regiearbeiten bei ANNABELLE oder den kürzlich erschienenen WISH UPON stehen ebenfalls in seiner Vita. Drehbuchautor Daubermann macht ebenfalls mit seiner Adaption zum neuen ES Furore. Hier sind also genügend gute Köche am Werk, um mit diesen Zutaten ordentlich zu schocken und es gelingt tatsächlich. Der Film stellt keine großartigen Fragen und muss folglich auch keine Antworten liefern. Im Stile von THE STRANGERS (2008) nimmt er den Zuschauer mit in die Villa und lässt ihn in dieser Horrornacht zum Voyeur werden. Man weiß, wie die Geschichte ausgeht und man weiß nicht, was diese Hippies letztendlich dazu getrieben hat. Es ist das böse, unkontrollierbare, sinnlose Handeln von völlig kranken jungen Menschen. WOLVES AT THE DOOR ist ein kurzer, aber extrem furchteinflößender Trip in die Hölle dieser Menschen und ihrer Lust am Morden.


Trailer



Mittwoch, 11. Oktober 2017

Rogue Blogue Stories: MY LOVELY NEIGHBOR



Sie weinte bevor sie in die Küche ging, hielt ihre Hände am Türrahmen fest und sah sich vor der Kloschüssel kniend, dort im Badezimmer, wo jetzt die Tür aufstand und ein heller Schimmer von der Straßenlaterne hineinschien. Die Tränen, wie kleine Käfer, die langsam über ihre Wangen krabbelten hatten aber nur einen kurzen Effekt und alles normalisierte sich wieder, als sie die Kühlschranktür aufzog und den Pernod herausstellte.  Ein Wisch über ihr Gesicht und die Tränen waren wieder verschwunden. Sie haderte. Wirklich Pernod? Verdünnt? Unverdünnt, mit einem Spritzer Zitrone, dessen Säuerlichkeit sich, bis sie schließlich eingeschlafen wäre auf ihren Lippen absetzte und ihre Zunge unentwegt daran lecken ließ. Nervig, wie der Mückenstich an ihrem Hals und das unwohle Gefühl im Unterleib, dass ihre Periode ankündigte.

Mit einem kleinen Schluck Wasser weihte sie das neue Glas ein und holte das benutzte schnell aus der Wohnstube, um es im gut gefüllten Waschbecken irgendwo zwischen Teller und Untersatz zu schieben. Ein neues Glas musste her, nicht mehr die milchigen Fingerabdrücke, die sie vorwurfsvoll anschauten, während sie trank und keine faden Lippstiftrückstände am Rand. Jetzt war es Zeit für einen schönen glucksenden Schluck Pernod, ein wenig Limonade dazu und ein Spritzer Mineralwasser.  Sie nahm die Flasche Pernod gleich mit, ließ das Glas in ihrer anderen Hand kreisen und befand sich bald wieder auf ihrer zerknautschten filzigen Zweiercouch mit Blick auf den ausgeschalteten Fernseher.



„Heute Abend werde ich einfach mal ein wenig lustig sein und nicht bei jeder Gelegenheit anfangen zu heulen, wie die kleine Göre, die ich einmal war”, sprach sie in den Raum, aber niemand antwortete. 



Ein Abend in der Abgeschiedenheit. Ein Salut auf das Leben. Draußen war doch sowieso nichts los.



Sie kippte den verdünnten Pernod in sich hinein und ging im Kopf ihre CD Sammlung durch. Sie brauchte genau diesen Song, der ihr nun helfen sollte. Sie dachte an vergangene Zeiten. Mit 19 auf Spiritus hängengeblieben und der Weisheit so fern wie der Träumer von der Seeligkeit. Mit jedem Schluck schien der Raum kleiner zu werden und eine haarige große Hand griff nach ihr.



„Wenn ich dich kriege, mach ich dich platt wie ne Flunder“.



Der Raum sprach zu ihr. Das Glas war leer. Doch von Müdigkeit noch keine Spur und ihr Magen spielte auch noch mit. Mal was anderes. Nicht jeden Abend auf der Couch einschlafen, nachdem man über der Toilette gehangen hatte, um sich zu übergeben. Das Monster in den Wänden war so unentschlossen wie sie selbst. Ein Angriff blieb folglich aus.



„Ach, verpisst euch alle.“



Der Pernod floss ins Glas, doch auf das Wasser und die Limonade musste nun verzichtet werden. War es sicher in Erinnerungen zu schwelgen ohne gleich wieder in Tränen auszubrechen? Wenn man sich nicht schneiden will, sollte man die scharfe Seite von sich fernhalten. Ein alter Rat ihres Vaters, kurz bevor er sie und ihre Mutter verließ, da war sie noch ein kleines Mädchen.  Ein Wunder, dass gezeugt worden ist. Ihre Eltern kamen nie besonders gut miteinander aus. Wahrscheinlich hatte es ähnliche Hintergründe wie ihr eigenes sexuelles Verhalten, man konnte es eher mit einer unglücklichen Kettenreaktion vergleichen.



„Bevor ich wieder gedemütigt neben einem selbstverliebten männlichen Opfer seiner eigenen Fantasien aufwache, bleibe ich lieber den ganzen Tag zu Hause”, dachte sie sich.



Ihr Glas hob sich fast wie von selbst zu ihrem Mund und trieb den Schnaps in ihren Hals. Ich saufe bis ich nicht mehr kann, bis nicht nur mein Verstand versagt, sondern mein ganzer Körper. Totaler Zusammenbruch. Oder doch Tabletten? Wäre es nicht schön wie Marilyn Monroe zu sterben? Der Traum einer jeden Frau, die nicht mehr ihr Spiegelbild ertragen konnte. Sie lachte und genoss ihren immer schlimmer werdenden Rausch. Die Flasche war noch halbvoll, denn letzte Nacht hatte sie sich nur ein paar Gläser genehmigt. Doch es hatte gereicht, um ihren Magen auf den Kopf zu stellen.



Heute Nacht wird der Rest getrunken und dann rauche ich die restlichen 12 Zigaretten aus meiner Schachtel.



***



Mit jedem Durchstrecken ihrer Wirbelsäule sah sie ihren grünen Pullover weiter werden, der an ihr hing wie ein zerrissener Sack. Ihre helle Stoffhose diente als bescheidene Antwort auf das diesjährige Sommermode- Erwachen; hell, luftig, mit ausgeleiertem Bund und ein paar getrockneten Fettspritzern darunter.

Sie nahm den letzten Schluck, würgte ein wenig und hatte Befürchtungen ihr Sodbrennen würde wieder auftreten.

Langsam stand sie auf, stellte ihr Glas aus dem Tisch ab, schaltete das Licht aus und torkelte rüber in die Küche.



Es war dunkel. Ein kühler Windzug -irgendwo musste noch ein Fenster oder auch zwei geöffnet sein- wehte unter ihr aufgerolltes Hosenbein. Sie fasste sich zwischen die Beine und begann zu massieren.

Es klingelte einmal kurz an der Tür.



„Ich komme”, flüsterte sie und ließ den Kopf fallen, ohne sich zu wundern, wer das sein könnte.



Sie ging zur Tür und öffnete vorsichtig. Es war ihre Nachbarin von unten. Sie stockte einen Moment, als sie bemerkte, dass in der ganzen Wohnung kein Licht mehr eingeschaltet war.



„Oh, das tut mir leid. Hatten Sie schon geschlafen?“



„Nein, ist schon okay.“



„Nun, ich wollte nur mal nachfragen, ob sie heute Nacht noch in passender Laune wären, bei einer kleinen Party vorbeizuschauen, die seit etwa einer Stunde unten im Gange ist?“



„Ach, ist das so?“ Sie zog die Augenbrauen nach unten.

„Davon habe ich gar nichts mitbekommen.“



„Wenn Sie wollen, dass sich das ändert, dann werfen Sie sich etwas über und kommen vorbei.“



„Ja, vielleicht mach ich das.“



Wie sie es sagte, hatte sie sich schon entschieden. Die Tür ging wieder zu. Sie wollte nicht gehen und doch zwang sie etwas, aus dieser traurigen Höhle auszubrechen. Sie holte ihre weiße Bluse aus dem Kleiderregal und probierte kurz darauf eine knallenge Jeanshose an. Es passte zusammen. Sie kämmte sich die Haare durch, legte ein wenig Make Up auf, doch die tiefen Augenringe waren dennoch nicht zu übersehen. Wenn man sie sehen würde, all diese Fremden Personen da unten, musste man sich schnell ein grauenvolles Bild von ihr machen. Zu viele Enttäuschungen hatten schon ihren Weg gekreuzt. Nun war sie eine Alkoholikerin in den frühen 30gern und konnte einem Gespräch nicht länger als zwei Minuten folgen, ohne den Drang zu verspüren ihre Faust in etwas hineinzurammen. Ich bin gleich da.

Es brodelte in ihr und jetzt würde sie bestmmt keinen Schlaf mehr finden. Vielleicht suchte sie einfach die Konfrontation. Die Chancen standen nicht schlecht, dass sie ihre Faust tatsächlich in irgend so ein beknacktes Gesicht hineinrammen würde.

Nach den Schuhen folgte der Griff in die offene Glaskugel auf dem Schuhschrank im Flur. Sie nahm sich ein Kaubonbon und trat hinaus ins Treppenhaus. Ein zartsüßer Erdbeergeschmack legte sich auf ihrer Zunge ab und die Packung des Kaubonbons fiel gemächlich zwischen den Treppenhausgeländern hindurch, wie ein Vogel, der nicht mehr fähig war seine Flügel zu bewegen.



***



Sie kratzte Staubreste aus den schmalen Ecken des Klingelschildes, ihr war die Nervosität anzumerken, von drinnen hörte sie die lauten Stimmen und die heitere Musik. Wollte sie das wirklich? Sie drückte den Knopf. Ein Mann in ihrem Alter öffnete ihr die Tür. Das Lächeln schien ihr so oberflächlich und sie hatte Probleme damit es zu erwidern, zuviel Angst auch so gekünstelt auszusehen.



„Hallo. Sie sind...?“ begann er, doch sie fühlte sich in diesem Punkt nicht mehr so sicher und alles was sie wollte war ein Glas Scotch mit Wasser.



„Durstig”, antwortete sie und schlängelte sich an ihm vorbei.



Drei junge Mädchen mit knappen Röcken, lässigen Tops mit Batikmustern darauf –sie sahen aus wie Drillinge-  und einem kleinen Jäckchen darüber, unterbrachen ihre Unterhaltung und sahen aus der Ecke rüber zu ihr.  Doch es war ihr egal, was sie von ihr hielten. Sie fuhr sich langsam die Hand durch die Haare -muss wohl ziemlich dämlich und vor allem arrogant ausgesehen haben- und ging langsam durch den Raum, auf der Suche nach ihrer Nachbarin und etwas zu trinken.

„Da sind Sie ja...“



Die Gastgeberin kippte feierlich ihren Sekt runter. Darauf folgte ein Hustenanfall. Sie blickte zu ihrer nach Luft schnappenden Nachbarin und rieb ihr vertraut aber nicht ganz sicher die Schulter.



„Geht bestimmt gleich wieder.“



Ihre Nachbarin nickte.



„Auch ein Glas?“ Ein älterer Typ mit Brille trat heran und bot ihr sein volles Glas an.



„Ich habe auch noch nicht von getrunken“, sagte er und lächelte.

Der Hustenanfall der Gastgeberin legte sich wieder.



„Ich würde gern was anderes trinken”, sagte sie.
„Was immer sie wollen. Bißchen Koks vielleicht oder nen Joint?“ fragte ihre Nachbarin.



Sie schüttelte den Kopf. „Sag du.“ 



Sie machte sich auf in die grell beleuchtete Küche und suchte sich alles zusammen. Sie fand schlieβlich eine halbvolle Flasche Scotch in einem Regal und setzte sich an den Tisch, auf dem ein junger Kerl saß und Musik aus seinem Handy hörte. 



Er blickte zur ihr und nahm die Kopfhörer aus den Ohren.



„Was?“ fragte er.

„Was?“ fragte sie.



Er lächelte und blickte ihr in die Augen.



„Habe ich Sie nicht schon mal irgendwo gesehen?“

„Woher soll ich denn das wissen?“



Der Junge steckte sich die Kopfhörer wieder rein, drehte die Lautstärke anständig auf und verabschiedete sich von ihr mit einem unsicheren Lächeln.



***



Sie nahm einen guten Schluck direkt aus der Flasche und verschwand daraufhin im Badezimmer, schloss die Tür hinter sich und genoss einen Moment der Ruhe.



Diese beschissene Flasche mach ich noch leer und dann bin ich wieder verschwunden.



Sie zog sich die Jeans und den Slip aus. Der Toilettensitz war angewärmt und obwohl bei dem Gedanken, dass irgend so ein fetter stinkender Sack kurz vor ihr hier entleert hatte, sich ihr die Nackenhaare sträubten fühlte sie sich wohl. Sie berührte das Toilettenpapier, samtweich mit kleinen karoförmigen Mustern darauf. Das Badezimmer war in einem erstklassigen Zustand, zehn verschieden Flakons, die auf dem Glasregal über dem Waschbecken standen und die große goldenen Flasche Chanel No. 5. Draußen feierte man und sprühte vor Lebensfreude und sie kam sich lästig vor. Es wäre nicht gut länger zu bleiben. Sie dachte an den Jungen. Hätte sie ihn mit nach oben genommen, wäre er unter Tränen eine halbe Stunde später nach Hause gestürmt, gedemütigt von einer alten Säuferin, die keinen echten Charme mehr besaß. Jetzt musste sie lachen.



Sie nahm sich Papier, machte sich sauber, zog die Hose hoch und stand noch eine Weile vor dem Spiegelschrank. Sie verzog keine Miene. Sie tastete sich an den Fläschchen entlang und zog die Schranktür auf. Sie musste etwas mitnehmen. Sie musste sich keine Sorgen darum machen, dass sie sich eventuell schlecht danach fühlen würde. Sie schaute durch die Packungen zahlreicher Medikamente und Pflastertüten bis sie in der hinteren Ecke, neben den beiden Wimpernrollern ein handflächengroßes Bild fand. Sie schluckte nicht mehr, zitterte ein wenig, als sie ihr eigenes Foto betrachtete. Dabei konnte sie es gar nicht glauben, dieser Person auch nur im Geringesten zu ähneln.  Die dunklen Haare saßen perfekt, schulterlang mit einer leichten Dauerwelle versetzt, darunter ein strahlendleuchtendes Gesicht mit blutroten Lippen und feurigen braunen Augen. Da schnellte die Türklinke neben ihr runter. Sie schreckte zusammen.



„Bin gleich fertig”, rief sie.



Den Schrank wieder verschlossen, das Bild in der Gesäßtasche versteckt, öffnete sie die Tür und sah ihre Nachbarin vor sich stehen. Ihre Wangen rotangelaufen mit einem verwegenen Gesichtsausdruck, der ihr Angst machte. Sie roch stark nach Alkohol.


“Ich...“, begann sie und ließ sich von ihrer jungen Gegenüber weiter ins Zimmer drängen, “wollte gerade gehen.“



Sie wollte an ihrer Nachbarin vorbei, doch die ließ sie nicht durch.



„Ich will nach Hause.“

„Ich freu mich so, dass du endlich hier bist”, sagte ihre Nachbarin schüchtern.



Sie trat von einem Fuß auf den anderen und hielt ihr eigenes Bild weiterhin verborgen, wie ein blutiges Messer, das sie enttarnen könnte.



„Ich weiß, dass du es gefunden hast.“



Die junge Frau bewegte sich auf sie zu und umklammerte ihren Körper, sie fuhr mit den Händen über ihr Gesäß, stöhnte einmal sachte auf und zog ihr das Foto aus der Tasche. Sie bewegte sich zurück, hielt das Foto vor ihre Brust und machte sich nicht mehr die Mühe etwas zu sagen.

„Wo hast du das her?“ fragte sie und doch wusste sie die Antwort irgendwie schon.



„Ich habe die ganze Stadt nach dir abgesucht”, sagte ihre Nachbarin und rieb ihr sachte die Wange.



„Sie sind verrückt.“ Sie siezte sie wieder, um einen gewissen Abstand zu ihr zu bekommen.

„Du bist wunderschön.“

„Was wollen Sie?“



„Ich will dich küssen”, sagte die junge Frau und griff ihr an den Hals.



„Sie sind betrunken.“

„Du doch auch.“

„Ich geh jetzt.“

„Nein.“



Die Nachbarin stellte sich wieder in den Weg, doch da wurde sie an den Schultern gepackt und ins Badezimmer geschubst. Sie landete auf dem Boden. Über ihr segelte das Bild herab und landetet auf ihrem zusammengedrückten Bauch. Als sie schon dachte verlassen worden zu sein, lehnte sich der alte Kopf der Säuferin noch mal über sie und blickte müde herab.



„Du willst mich nicht, glaub mir“, sagte sie.

„Ich will dich küssen. Bitte.“

„Ich nehm mir was zu trinken mit und verschwinde.“

„Nimm dir, was du willst.“

„Und das hier…“ sagte sie, beugte sich hinunter und griff sich ihr Foto, „nehme ich auch wieder mit uns solltest du verrücktes Miststück noch einmal in meine Wohnung einbrechen, schlag ich dich grün und blau.“



Sie ging in die Küche und nahm sich, was sie kriegen konnte.  Zwei Flaschen Scotch und eine zum Drittel gefüllte Pulle Rum. Das reichte erstmal. 



***



Sie fügte sich der Dunkelheit oben in ihrer Wohnung, ließ die Lichtschalter vorerst unberührt und setzte sich auf ihre Couch im Wohnzimmer. Sie lehnte ihr Foto an die Rumflasche, drehte den Scotch auf und nahm einen kräftigen Hieb. Sie wurde nervös, Schweiß machte sich auf ihrer Stirn breit. Sie nahm gleich noch einen Schluck. Sie sah ihr hübsches Ich vor sich auf dem Tisch stehen. Ihre Nachbarin muss hier durch die Räume gegangen sein und hat wer weiß was angestellt. Eigentlich sollte sie sich unwohl fühlen, aber das war dieses Gefühl begehrt zu werden und das hatte sie schon lange nicht mehr gespürt. Doch vielleicht war alles nur ein merkwürdiger Traum? Sie fasste sich zwischen die Beine und begann zu massieren.  Sie nahm den letzten Schluck, kippte sich die Hälfte auf die weiße Jeanshose und brach auf der Couch zusammen.


- MM