Mittwoch, 11. Oktober 2017

Rogue Blogue Stories: MY LOVELY NEIGHBOR



Sie weinte bevor sie in die Küche ging, hielt ihre Hände am Türrahmen fest und sah sich vor der Kloschüssel kniend, dort im Badezimmer, wo jetzt die Tür aufstand und ein heller Schimmer von der Straßenlaterne hineinschien. Die Tränen, wie kleine Käfer, die langsam über ihre Wangen krabbelten hatten aber nur einen kurzen Effekt und alles normalisierte sich wieder, als sie die Kühlschranktür aufzog und den Pernod herausstellte.  Ein Wisch über ihr Gesicht und die Tränen waren wieder verschwunden. Sie haderte. Wirklich Pernod? Verdünnt? Unverdünnt, mit einem Spritzer Zitrone, dessen Säuerlichkeit sich, bis sie schließlich eingeschlafen wäre auf ihren Lippen absetzte und ihre Zunge unentwegt daran lecken ließ. Nervig, wie der Mückenstich an ihrem Hals und das unwohle Gefühl im Unterleib, dass ihre Periode ankündigte.

Mit einem kleinen Schluck Wasser weihte sie das neue Glas ein und holte das benutzte schnell aus der Wohnstube, um es im gut gefüllten Waschbecken irgendwo zwischen Teller und Untersatz zu schieben. Ein neues Glas musste her, nicht mehr die milchigen Fingerabdrücke, die sie vorwurfsvoll anschauten, während sie trank und keine faden Lippstiftrückstände am Rand. Jetzt war es Zeit für einen schönen glucksenden Schluck Pernod, ein wenig Limonade dazu und ein Spritzer Mineralwasser.  Sie nahm die Flasche Pernod gleich mit, ließ das Glas in ihrer anderen Hand kreisen und befand sich bald wieder auf ihrer zerknautschten filzigen Zweiercouch mit Blick auf den ausgeschalteten Fernseher.



„Heute Abend werde ich einfach mal ein wenig lustig sein und nicht bei jeder Gelegenheit anfangen zu heulen, wie die kleine Göre, die ich einmal war”, sprach sie in den Raum, aber niemand antwortete. 



Ein Abend in der Abgeschiedenheit. Ein Salut auf das Leben. Draußen war doch sowieso nichts los.



Sie kippte den verdünnten Pernod in sich hinein und ging im Kopf ihre CD Sammlung durch. Sie brauchte genau diesen Song, der ihr nun helfen sollte. Sie dachte an vergangene Zeiten. Mit 19 auf Spiritus hängengeblieben und der Weisheit so fern wie der Träumer von der Seeligkeit. Mit jedem Schluck schien der Raum kleiner zu werden und eine haarige große Hand griff nach ihr.



„Wenn ich dich kriege, mach ich dich platt wie ne Flunder“.



Der Raum sprach zu ihr. Das Glas war leer. Doch von Müdigkeit noch keine Spur und ihr Magen spielte auch noch mit. Mal was anderes. Nicht jeden Abend auf der Couch einschlafen, nachdem man über der Toilette gehangen hatte, um sich zu übergeben. Das Monster in den Wänden war so unentschlossen wie sie selbst. Ein Angriff blieb folglich aus.



„Ach, verpisst euch alle.“



Der Pernod floss ins Glas, doch auf das Wasser und die Limonade musste nun verzichtet werden. War es sicher in Erinnerungen zu schwelgen ohne gleich wieder in Tränen auszubrechen? Wenn man sich nicht schneiden will, sollte man die scharfe Seite von sich fernhalten. Ein alter Rat ihres Vaters, kurz bevor er sie und ihre Mutter verließ, da war sie noch ein kleines Mädchen.  Ein Wunder, dass gezeugt worden ist. Ihre Eltern kamen nie besonders gut miteinander aus. Wahrscheinlich hatte es ähnliche Hintergründe wie ihr eigenes sexuelles Verhalten, man konnte es eher mit einer unglücklichen Kettenreaktion vergleichen.



„Bevor ich wieder gedemütigt neben einem selbstverliebten männlichen Opfer seiner eigenen Fantasien aufwache, bleibe ich lieber den ganzen Tag zu Hause”, dachte sie sich.



Ihr Glas hob sich fast wie von selbst zu ihrem Mund und trieb den Schnaps in ihren Hals. Ich saufe bis ich nicht mehr kann, bis nicht nur mein Verstand versagt, sondern mein ganzer Körper. Totaler Zusammenbruch. Oder doch Tabletten? Wäre es nicht schön wie Marilyn Monroe zu sterben? Der Traum einer jeden Frau, die nicht mehr ihr Spiegelbild ertragen konnte. Sie lachte und genoss ihren immer schlimmer werdenden Rausch. Die Flasche war noch halbvoll, denn letzte Nacht hatte sie sich nur ein paar Gläser genehmigt. Doch es hatte gereicht, um ihren Magen auf den Kopf zu stellen.



Heute Nacht wird der Rest getrunken und dann rauche ich die restlichen 12 Zigaretten aus meiner Schachtel.



***



Mit jedem Durchstrecken ihrer Wirbelsäule sah sie ihren grünen Pullover weiter werden, der an ihr hing wie ein zerrissener Sack. Ihre helle Stoffhose diente als bescheidene Antwort auf das diesjährige Sommermode- Erwachen; hell, luftig, mit ausgeleiertem Bund und ein paar getrockneten Fettspritzern darunter.

Sie nahm den letzten Schluck, würgte ein wenig und hatte Befürchtungen ihr Sodbrennen würde wieder auftreten.

Langsam stand sie auf, stellte ihr Glas aus dem Tisch ab, schaltete das Licht aus und torkelte rüber in die Küche.



Es war dunkel. Ein kühler Windzug -irgendwo musste noch ein Fenster oder auch zwei geöffnet sein- wehte unter ihr aufgerolltes Hosenbein. Sie fasste sich zwischen die Beine und begann zu massieren.

Es klingelte einmal kurz an der Tür.



„Ich komme”, flüsterte sie und ließ den Kopf fallen, ohne sich zu wundern, wer das sein könnte.



Sie ging zur Tür und öffnete vorsichtig. Es war ihre Nachbarin von unten. Sie stockte einen Moment, als sie bemerkte, dass in der ganzen Wohnung kein Licht mehr eingeschaltet war.



„Oh, das tut mir leid. Hatten Sie schon geschlafen?“



„Nein, ist schon okay.“



„Nun, ich wollte nur mal nachfragen, ob sie heute Nacht noch in passender Laune wären, bei einer kleinen Party vorbeizuschauen, die seit etwa einer Stunde unten im Gange ist?“



„Ach, ist das so?“ Sie zog die Augenbrauen nach unten.

„Davon habe ich gar nichts mitbekommen.“



„Wenn Sie wollen, dass sich das ändert, dann werfen Sie sich etwas über und kommen vorbei.“



„Ja, vielleicht mach ich das.“



Wie sie es sagte, hatte sie sich schon entschieden. Die Tür ging wieder zu. Sie wollte nicht gehen und doch zwang sie etwas, aus dieser traurigen Höhle auszubrechen. Sie holte ihre weiße Bluse aus dem Kleiderregal und probierte kurz darauf eine knallenge Jeanshose an. Es passte zusammen. Sie kämmte sich die Haare durch, legte ein wenig Make Up auf, doch die tiefen Augenringe waren dennoch nicht zu übersehen. Wenn man sie sehen würde, all diese Fremden Personen da unten, musste man sich schnell ein grauenvolles Bild von ihr machen. Zu viele Enttäuschungen hatten schon ihren Weg gekreuzt. Nun war sie eine Alkoholikerin in den frühen 30gern und konnte einem Gespräch nicht länger als zwei Minuten folgen, ohne den Drang zu verspüren ihre Faust in etwas hineinzurammen. Ich bin gleich da.

Es brodelte in ihr und jetzt würde sie bestmmt keinen Schlaf mehr finden. Vielleicht suchte sie einfach die Konfrontation. Die Chancen standen nicht schlecht, dass sie ihre Faust tatsächlich in irgend so ein beknacktes Gesicht hineinrammen würde.

Nach den Schuhen folgte der Griff in die offene Glaskugel auf dem Schuhschrank im Flur. Sie nahm sich ein Kaubonbon und trat hinaus ins Treppenhaus. Ein zartsüßer Erdbeergeschmack legte sich auf ihrer Zunge ab und die Packung des Kaubonbons fiel gemächlich zwischen den Treppenhausgeländern hindurch, wie ein Vogel, der nicht mehr fähig war seine Flügel zu bewegen.



***



Sie kratzte Staubreste aus den schmalen Ecken des Klingelschildes, ihr war die Nervosität anzumerken, von drinnen hörte sie die lauten Stimmen und die heitere Musik. Wollte sie das wirklich? Sie drückte den Knopf. Ein Mann in ihrem Alter öffnete ihr die Tür. Das Lächeln schien ihr so oberflächlich und sie hatte Probleme damit es zu erwidern, zuviel Angst auch so gekünstelt auszusehen.



„Hallo. Sie sind...?“ begann er, doch sie fühlte sich in diesem Punkt nicht mehr so sicher und alles was sie wollte war ein Glas Scotch mit Wasser.



„Durstig”, antwortete sie und schlängelte sich an ihm vorbei.



Drei junge Mädchen mit knappen Röcken, lässigen Tops mit Batikmustern darauf –sie sahen aus wie Drillinge-  und einem kleinen Jäckchen darüber, unterbrachen ihre Unterhaltung und sahen aus der Ecke rüber zu ihr.  Doch es war ihr egal, was sie von ihr hielten. Sie fuhr sich langsam die Hand durch die Haare -muss wohl ziemlich dämlich und vor allem arrogant ausgesehen haben- und ging langsam durch den Raum, auf der Suche nach ihrer Nachbarin und etwas zu trinken.

„Da sind Sie ja...“



Die Gastgeberin kippte feierlich ihren Sekt runter. Darauf folgte ein Hustenanfall. Sie blickte zu ihrer nach Luft schnappenden Nachbarin und rieb ihr vertraut aber nicht ganz sicher die Schulter.



„Geht bestimmt gleich wieder.“



Ihre Nachbarin nickte.



„Auch ein Glas?“ Ein älterer Typ mit Brille trat heran und bot ihr sein volles Glas an.



„Ich habe auch noch nicht von getrunken“, sagte er und lächelte.

Der Hustenanfall der Gastgeberin legte sich wieder.



„Ich würde gern was anderes trinken”, sagte sie.
„Was immer sie wollen. Bißchen Koks vielleicht oder nen Joint?“ fragte ihre Nachbarin.



Sie schüttelte den Kopf. „Sag du.“ 



Sie machte sich auf in die grell beleuchtete Küche und suchte sich alles zusammen. Sie fand schlieβlich eine halbvolle Flasche Scotch in einem Regal und setzte sich an den Tisch, auf dem ein junger Kerl saß und Musik aus seinem Handy hörte. 



Er blickte zur ihr und nahm die Kopfhörer aus den Ohren.



„Was?“ fragte er.

„Was?“ fragte sie.



Er lächelte und blickte ihr in die Augen.



„Habe ich Sie nicht schon mal irgendwo gesehen?“

„Woher soll ich denn das wissen?“



Der Junge steckte sich die Kopfhörer wieder rein, drehte die Lautstärke anständig auf und verabschiedete sich von ihr mit einem unsicheren Lächeln.



***



Sie nahm einen guten Schluck direkt aus der Flasche und verschwand daraufhin im Badezimmer, schloss die Tür hinter sich und genoss einen Moment der Ruhe.



Diese beschissene Flasche mach ich noch leer und dann bin ich wieder verschwunden.



Sie zog sich die Jeans und den Slip aus. Der Toilettensitz war angewärmt und obwohl bei dem Gedanken, dass irgend so ein fetter stinkender Sack kurz vor ihr hier entleert hatte, sich ihr die Nackenhaare sträubten fühlte sie sich wohl. Sie berührte das Toilettenpapier, samtweich mit kleinen karoförmigen Mustern darauf. Das Badezimmer war in einem erstklassigen Zustand, zehn verschieden Flakons, die auf dem Glasregal über dem Waschbecken standen und die große goldenen Flasche Chanel No. 5. Draußen feierte man und sprühte vor Lebensfreude und sie kam sich lästig vor. Es wäre nicht gut länger zu bleiben. Sie dachte an den Jungen. Hätte sie ihn mit nach oben genommen, wäre er unter Tränen eine halbe Stunde später nach Hause gestürmt, gedemütigt von einer alten Säuferin, die keinen echten Charme mehr besaß. Jetzt musste sie lachen.



Sie nahm sich Papier, machte sich sauber, zog die Hose hoch und stand noch eine Weile vor dem Spiegelschrank. Sie verzog keine Miene. Sie tastete sich an den Fläschchen entlang und zog die Schranktür auf. Sie musste etwas mitnehmen. Sie musste sich keine Sorgen darum machen, dass sie sich eventuell schlecht danach fühlen würde. Sie schaute durch die Packungen zahlreicher Medikamente und Pflastertüten bis sie in der hinteren Ecke, neben den beiden Wimpernrollern ein handflächengroßes Bild fand. Sie schluckte nicht mehr, zitterte ein wenig, als sie ihr eigenes Foto betrachtete. Dabei konnte sie es gar nicht glauben, dieser Person auch nur im Geringesten zu ähneln.  Die dunklen Haare saßen perfekt, schulterlang mit einer leichten Dauerwelle versetzt, darunter ein strahlendleuchtendes Gesicht mit blutroten Lippen und feurigen braunen Augen. Da schnellte die Türklinke neben ihr runter. Sie schreckte zusammen.



„Bin gleich fertig”, rief sie.



Den Schrank wieder verschlossen, das Bild in der Gesäßtasche versteckt, öffnete sie die Tür und sah ihre Nachbarin vor sich stehen. Ihre Wangen rotangelaufen mit einem verwegenen Gesichtsausdruck, der ihr Angst machte. Sie roch stark nach Alkohol.


“Ich...“, begann sie und ließ sich von ihrer jungen Gegenüber weiter ins Zimmer drängen, “wollte gerade gehen.“



Sie wollte an ihrer Nachbarin vorbei, doch die ließ sie nicht durch.



„Ich will nach Hause.“

„Ich freu mich so, dass du endlich hier bist”, sagte ihre Nachbarin schüchtern.



Sie trat von einem Fuß auf den anderen und hielt ihr eigenes Bild weiterhin verborgen, wie ein blutiges Messer, das sie enttarnen könnte.



„Ich weiß, dass du es gefunden hast.“



Die junge Frau bewegte sich auf sie zu und umklammerte ihren Körper, sie fuhr mit den Händen über ihr Gesäß, stöhnte einmal sachte auf und zog ihr das Foto aus der Tasche. Sie bewegte sich zurück, hielt das Foto vor ihre Brust und machte sich nicht mehr die Mühe etwas zu sagen.

„Wo hast du das her?“ fragte sie und doch wusste sie die Antwort irgendwie schon.



„Ich habe die ganze Stadt nach dir abgesucht”, sagte ihre Nachbarin und rieb ihr sachte die Wange.



„Sie sind verrückt.“ Sie siezte sie wieder, um einen gewissen Abstand zu ihr zu bekommen.

„Du bist wunderschön.“

„Was wollen Sie?“



„Ich will dich küssen”, sagte die junge Frau und griff ihr an den Hals.



„Sie sind betrunken.“

„Du doch auch.“

„Ich geh jetzt.“

„Nein.“



Die Nachbarin stellte sich wieder in den Weg, doch da wurde sie an den Schultern gepackt und ins Badezimmer geschubst. Sie landete auf dem Boden. Über ihr segelte das Bild herab und landetet auf ihrem zusammengedrückten Bauch. Als sie schon dachte verlassen worden zu sein, lehnte sich der alte Kopf der Säuferin noch mal über sie und blickte müde herab.



„Du willst mich nicht, glaub mir“, sagte sie.

„Ich will dich küssen. Bitte.“

„Ich nehm mir was zu trinken mit und verschwinde.“

„Nimm dir, was du willst.“

„Und das hier…“ sagte sie, beugte sich hinunter und griff sich ihr Foto, „nehme ich auch wieder mit uns solltest du verrücktes Miststück noch einmal in meine Wohnung einbrechen, schlag ich dich grün und blau.“



Sie ging in die Küche und nahm sich, was sie kriegen konnte.  Zwei Flaschen Scotch und eine zum Drittel gefüllte Pulle Rum. Das reichte erstmal. 



***



Sie fügte sich der Dunkelheit oben in ihrer Wohnung, ließ die Lichtschalter vorerst unberührt und setzte sich auf ihre Couch im Wohnzimmer. Sie lehnte ihr Foto an die Rumflasche, drehte den Scotch auf und nahm einen kräftigen Hieb. Sie wurde nervös, Schweiß machte sich auf ihrer Stirn breit. Sie nahm gleich noch einen Schluck. Sie sah ihr hübsches Ich vor sich auf dem Tisch stehen. Ihre Nachbarin muss hier durch die Räume gegangen sein und hat wer weiß was angestellt. Eigentlich sollte sie sich unwohl fühlen, aber das war dieses Gefühl begehrt zu werden und das hatte sie schon lange nicht mehr gespürt. Doch vielleicht war alles nur ein merkwürdiger Traum? Sie fasste sich zwischen die Beine und begann zu massieren.  Sie nahm den letzten Schluck, kippte sich die Hälfte auf die weiße Jeanshose und brach auf der Couch zusammen.


- MM


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