Sonntag, 31. Dezember 2017

Samstag, 23. Dezember 2017

Rogue Blogue Stories: ENTER SANTA



Er hätte wohl nie daran gedacht Weihnachtsmann zu werden. Wenn er zu seinen Einsätzen fuhr, überkam ihn stets ein merkwürdiges Gefühl. Die Einsätze von früher waren damit nicht zu vergleichen. Gefährlicher, teils blutig gingen sie damals aus. Er arbeitete unter anderem verdeckt und war gut in dem was er tat. Dann ging irgendwann alles schief. Jetzt trug er keine Waffe mehr, sondern einen roten Mantel, eine rote Mütze und war pleite. Er trat auf Weihnachtsmärkten, in Einkaufszentren und an öffentlichen Plätzen in der Innenstadt auf. Es war die Hölle und völlige Zeitverschwendung. Er war zu alt für so was.

Dann kam der Tag, an dem einige Kinder sich bei ihm anstellen konnten, um ihre Wünsche zu äußern. Ein hektischer Tag im großen Einkaufszentrum. Ein kleiner dunkelblonder Junge mit Brille setzte sich auf seinen Schoß und begann von seinem Vater zu erzählen. Er sprach leise und zitterte ein bisschen. Es fiel ihm sehr schwer, doch es musste raus und anscheinend gab sonst niemand, dem er es erzählen konnte.
Der Junge, den er so um die neun oder zehn Jahre alt schätzte berichtete fast schon im Detail über die harten, mit unter brutalen erzieherischen Maßnahmen seines Vaters. Santa fragte, wo die Mutter sei.

"Tot", sagte der Junge.

Als der kleine Mann seinen Wunsch mitgeteilt hatte, sagte Santa, dass er schaue, was sich machen ließe und schmiedete in Gedanken schon einen Plan.

"Wie heißt du überhaupt, mein Junge und wo soll ich das Geschenk hinbringen?"

Der Junge gab ihm die nötigen Informationen und verabschiedete sich.

Es war an Heiligabend. Der alte Mann ließ seinen roten Mantel und seine Mütze zu Hause im Schrank hängen und fuhr in das Viertel im Norden. Wie in alten Tagen observierte er, wartete auf den passenden Moment zuzuschlagen. Nur wenige Fenster waren mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. Es war kurz nach neun Uhr abends. Während er so hinter den Büschen stand und Ausschau hielt, drehte sich ihm einmal mehr der Magen, wenn er an den ganzen Humbug dachte, mit dem er sich zurzeit herumschlug. Dieser Scheiß-Job, die Einsamkeit, die leeren Taschen und das auch noch zu Weihnachten. Jetzt musste halt dieses prügelnde Schwein von einem Vater dafür büßen. Pech. So läuft das nun mal im Leben. Dieser Typ, der ihm doch vollkommen fremd war, ist bestimmt nicht das einzige Arschloch das sich in seinem Radius bewegt, aber der Junge hatte am Vormittag einen wunden Punkt bei ihm getroffen.

Es dauerte eine Weile, aber dann kam der Mann angetorkelt. Es war kurz nach halb elf. Sein Kneipenbesuch war beendet. Während er sich volllaufen ließ, wartete zu Hause der Junge auf sein Weihnachtsgeschenk. Doch dieses Jahr würde es eins geben. Der Vater zündete sich eine Zigarette an und setzte sich auf eine der Bänke, die direkt vor den Büschen stand. Santa schlich sich langsam an, schaute sich im Dunkeln um, ob die Luft rein war, hob die Arme und trat blitzschnell hervor.  Er packte ihn von hinten an der Kehle. Die Zigarette fiel auf den Boden und ein wilder Kampf ums Überleben begann. Der Vater wollte sich umdrehen, doch der Griff war zu erprobt und zu fest. Santa drückte noch energischer zu und ein paar Sekunden später hatte er den Mann bewusstlos auf der Bank liegen.

Santa zog einen Notizzettel und einen Stift aus seiner Innentasche und schrieb einen kurzen Gruß und eine Warnung auf. Er signierte mit Der Weihnachtsmann und wollte dem Vater den Zettel gerade zustecken, als sich dieser plötzlich schnaufend wie ein wildes Tier erhob und ihn mit feuerroten Augen anschaute. Seine Zähne im Mund verwandelten sich in messerscharfe kleine Spitzen und er schien in diesen wenigen Sekunden um gut einen halben Meter gewachsen zu sein. Ganz weit riss das Vieh, das jetzt in Angriffsstellung vor ihm stand das Maul auf. Santa griff unter seinen Mantel, ertaste am Gürtel sein Messer und zog es in aller Ruhe hervor, während sein Blick an dem hässlichen Monster haften blieb.

"Verdammte Scheiße, ich wollte nicht, dass es so endet..." sagte Santa.

Die knochigen großen Hände mit den spitzen Fingernägeln griffen nach ihm. Santa machte schnell einen Schritt zurück und warf dem Vieh das scharfe Messer in den Hals, selbst ein wenig überrascht, wie gut er mit dem Ding noch umgehen konnte.

"Wenigstens ging's schnell."

Das große Vieh, das nun fast nichts mehr von einem Menschen hatte, fiel vor ihm auf den Boden, röchelte noch ein paar Mal, bis das Atmen dann komplett aussetzte.

"Es klappt doch nichts mehr so, wie man sich das vorstellt."

Santa ging rüber zu dem toten Biest, durchwühlte seine Taschen und zog schließlich das Handy hervor. Er wählte den Notruf.

"Holt das verdammte Vieh hier ab und beeilt euch, bevor es noch jemand anders findet und seht zu, dass sich jemand um den Jungen kümmert. Frohe Weihnachten!"

Er hockte sich neben den leblosen deformierten Körper, noch eingehüllt in einen alten Wintermantel, legte das Handy ab und zog dem Monster das Messer aus dem Hals. Warum immer er? Warum immer so? Er wischte das Blut am alten Mantel ab und verschwand in der Nacht.

- MM


Montag, 11. Dezember 2017

Los Perdidos IX


"Wach auf," rief er, doch sie antwortete nicht.

Er drückte ihr Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader. In ihrem Körper war der Tod eingekehrt und tötete in diesem Moment auch einen Teil von ihm. Er setzte sich neben sie, sein Rücken schlaff gegen die Wand gelehnt und kippte ihren Kopf auf seine Schulter. Ihr Körper war noch warm, sein Arm umschlang ihn und hielt ihn fest. Er verglich ihren mit seinem Unterarm. Er konnte zwar keine bestimmte Farbe ausmachen, aber er sah, dass welche es auch immer war, sie beide dieselbe trugen.

Noch einmal küsste er sie und sah sie wieder vor sich, wie sie einst mit ihrer geheimnisvollen Schönheit auf dem Bordstein am Sunset Boulevard saß.

"Sleep now in the fire, Lolita", sagte er und schloss die Augen.

- Letztes Kapitel, Los Perdidos




Freitag, 8. Dezember 2017

Los Perdidos VIII


"Wir sollten uns was am Strand suchen", sagte sie und er stimmte ihr zu.

Curtiz blickte zu den Vögeln, wie sie umherpilgerten und über die Straßen zogen und vertrocknete Würmer, Essensreste und Papier aufpickten. Laternen standen schräg zur Straße gelehnt, an den bröckelnden Wänden trieften Müllsäcke vor sich hin.
Der Van bog ein und verlangsamte seine Fahrt.

"Hallo, ihr Aasgeier," rief Curtiz und lachte.

Hier schien es in Ordnung zu sein. Henry fuhr den Wagen rechts an den Bordstein und sprang mit einem kurzen Jubel heraus. Einige Frauen waren mit ihren Kindern unterwegs, beladen mit Einkaufstüten und Wasserflaschen. Curtiz trat neben ihn, zündete sich eine Zigarette an und deutete auf die verrotteten Läden auf der anderen Seite.

"Ich frage mich, wann dort das letzte Mal jemand eingekauft hat", sagte sie.

"Wir schauen uns mal um..."

- Kapitel 8, Los Perdidos




Mittwoch, 6. Dezember 2017

Schönste Mädchen


SCHÖNSTE MÄDCHEN
Julo Drescowitz 


Mein Kollege,

er sagte

zu mir

sie sei das schönste Mädchen

das er je gesehen hätte;

und er

sagte

da ginge etwas

von ihr,

das noch heute,

drei Tage später,

in ihm schwingen würde.



Also

lief ich

zu dieser Frau,

und sie war

eine Verkäuferin

in einer

Bäckerei

in einem

Supermarkt;

und sie hatte ein

Glasauge,

eisblau und starr;

und sie war

jünger

als ich,

und ich bestellte

Kaffee

bei ihr;

und als sie mir

das Wechselgeld

rausgab

sah ich

ihre Arme;

und sie

waren

voller Narben

voller Schnitte;

und sie

lächelte,

und ihr Lächeln

war

voller Narben

voller Schnitte;

und sie trug ein

Tattoo

auf der Wange

in Form eines

Pfeiles;

und sie trug ein

Tattoo

auf ihrem Zeigefinger

in Form eines

Buchstaben.



Und schließlich

saß ich da

und

sah sie an,

und sie stand

hinter dem Tresen

und

wartete,

als sie plötzlich

zu lachen

begann;

und sie

lachte

und sie sah

mich an

als sie

lachte –

und ihr eisblaues, starres

Glasauge

sah mich

an;

und als sie

fertig war

fegte sie

den Boden;

und es war

als würde sie

schweben

und es war

als würde

ich

schweben.


Montag, 4. Dezember 2017

Los Perdidos VII


"Der Wagen steht drinnen, du weißt ja Bescheid. Bring die Karre dann wieder hier her zurück und lass dir nicht einfallen die Kleine anzumachen, die hat heute Nacht noch genug zu tun, verstanden?"

"Ja, verstanden", sagte Henry und verstaute den Zettel in der Brusttasche seines Hemdes. Müdigkeit überkam ihn und der Drang nach etwas zu trinken. Er wollte eine Coke, eine Riesencoke und sich dann heute Abend zum Strand verziehen. Ein guter Plan, es lagen nur noch knapp 14 Meilen, tausende Autos, die alle nach Westen wollten und ein junges Mädchen, für die er den Chauffeur spielen sollte dazwischen.
Henry schob das Garagentor nach oben und stieg etwas schwermütig ein.

"Ich will das alles nicht mehr. Scheiß aufs Geld", sagte er und startete den Motor.

- Kapitel 7, Los Perdidos