Freitag, 18. Mai 2018

ROGUE SHOTS: Gracey


GRACEY
von Stefan Barth

Das spärliche Licht ihres Apartments kam mir mit einem Mal ziemlich grell vor. Ob es das Buffer-X war das langsam meinen Kreislauf verlies oder die Müdigkeit nach der Anstrengung konnte ich nicht mit Sicherheit sagen. Als ich aufstand hörte ich das Knistern einer entzündeten Zigarette.
"Bleibst du noch ein Bisschen?", fast flehend und um meine Aufmerksamkeit bettelnd wie ein Hund der gerade die Zeitung gebracht hatte. Ich sah sie nicht an, stattdessen betrachtete ich die plastische Substanz des benutzten Sprühkondoms an meinem Schwanz. Ich streifte es ab, zuckte die Achseln und bewegte mich Richtung Badezimmer.
"Ich geh erstmal pissen."
Resignierendes Seufzen, die Enttäuschung hätte den Qualm der Zigarette mühelos durch den Raum treiben können. Aber sie sagte nichts weiter, wollte sich nicht anmerken lassen wie sehr es sie mitnahm. Ein Blick in den Badezimmerspiegel: Susan Ortega´s Gesicht flammte kurz neben meinem auf, um Gnade bettelnd als ich ihr den kalten Lauf der Socom an den Kopf hielt. Die blonden Haare zerzaust von der Gegenwehr. Sie war nicht einfach gewesen. Ein Tränen getränktes Gesicht, weit aufgerissene rote Augen und die Erkenntnis, dass es zu spät war in ihrem Blick manifestiert. Rückkehr auf die schwach beleuchtete Bühne des Ein-Raum-Apartments welches Gracey ihr zu Hause nannte. Ich hielt ihrem Blick stand, sah das Laken welches sich an ihre Formen schmiegte, das blonde Haar welches sich im Ansatz vom Schweiß dunkel verfärbte.
"Komm leg dich noch ein paar Minuten zu mir.", fast spielerisch hauchte sie die Worte während der Qualm der Zigarette ihre Lippen umspielte, "Vielleicht können wir ja gleich Runde zwei starten." Sie grinste verspielt aber ich sah, dass es nicht echt war.
"Hör zu Gracey, können wir das postkoitale Theaterspiel nicht einfach mal sein lassen?"
Warten auf den Aufprall.
"Du bist so ein Arschloch, Jake. Warum tue ich mir das nur jedes Mal wieder an?"
Erwischt! Ein Hauch von Traurigkeit schwang im Unterton mit. So mag ich Gracey eigentlich nicht, aber ich kann nicht anders.
"Du wolltest es doch genauso wie ich. Es ging um Sex Gracey, deswegen allein bin ich hier, also hör auf so zu tun als wenn es mehr wäre."
Etwas in ihrem Blick brach und ihre blauen sonst so warmen Augen wechselten in ein kaltes matt.
"Ist es das was du dir versuchst ein zu reden, Jake? Jedes Mal wenn du zufällig wieder einen Auftrag in der Bay hast?"
Mittlerweile hatte ich mir meine Hosen angezogen und war dabei mein Hemd zu zuknöpfen. Es musste ungefähr dieser Zeitpunkt gewesen sein als Gracey die Chancenlosigkeit ihrer Lage verstand.
"Fick dich, Jake!", Aufgabe! Verschrenkte Arme über dem hellen Laken, den Blick starr an einen zufälligen Punkt des Raumes, weit weg von mir gerichtet, "Ich hab in deiner Firma angerufen."
"Du hast was?" Die Wucht der Worte traf mich wie die Salve eines Automatikgewehrs.
"Hast richtig gehört, ich hab bei Bellman Constructions angerufen und nachgefragt ob ein Jake Millenhall dort beschäftigt ist. Willst du wissen was sie gesagt haben?"
"Weiß ich schon." antwortete ich sarkastisch. Ich setzte mich in Bewegung, die Apartmenttür im Blick.
"Großartig Jake! Das willst du jetzt tun? Einfach gehen wie immer wenns brenzlig für dich wird?", die Traurigkeit in ihren Worten war nun nicht mehr nur ein Unterton, ich hörte Tränen in der Stimme, "Was war dieser spezielle Auftrag, weswegen du unbedingt herkommen und mich ficken musstest,huh? Hör auf mit den Spielchen und sags mir Herr gott noch mal!"
Aus den Augenwinkeln schaute ich zurück auf das Bett, das irgendwie zu groß für diese eine zierliche Person wirkte. Dann, wie beim Abreissen eines Pflasters öffnete ich die Tür, schritt hinaus und zog sie hinter mir zu.
"Du warst der Auftrag!", sagte ich in Gedanken, "Du warst immer der Auftrag, Gracey."



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