Mittwoch, 27. Juni 2018

Lynchs Traumwelten


David Lynch / Kristine McKenna
TRAUMWELTEN

Wenn wir mit seiner Arbeit konfrontiert werden, ergibt sich daraus möglicherweise ein eigenartiges Staunen oder auch Entsetzen. Die Neugier wird geweckt, aber auch die Frage, was uns der Künstler David Lynch mit diesem (Kurz oder Spiel)Film, dieser Serie, diesem Bild oder diesem Song sagen will. Einige werden seine Werke, besonders seine Filme lieben, andere werden sie komplett ablehnen bzw. diese Art der Kunst nicht an sich heranlassen. Wer sich ihr hingibt und nicht unbedingt alles verstehen möchte, dem wird es möglich gemacht, auf eine besondere Reise zu gehen oder um den Titel seiner aktuellen Biografie zu benutzen: in eine Traumwelt einzutauchen - das trifft es durchaus am besten. Doch unweigerlich stellt sich vielleicht der ein oder andere auch die Frage nach dem Ursprung dieser Träume. Wo liegt die Quelle von Lynchs Inspiration und kann ein Buch darauf eine Antwort geben? Lynch merkt es schon im Vorwort an, dass dies gar nicht möglich ist. Das Leben ist zu vielseitig und zu komplex, als es tatsächlich in einem einzelnen Buch komplett zu sezieren und zu erklären. Trotzdem hat Lynch, in Zusammenarbeit mit der Journalistin und Autorin Kristine McKenna seine Lebensgeschichte nun erzählt...

768 Seiten, ISBN 978-3-453-27084-8, Heyne Encore, 25,00 Euro


Aufgewachsen in einem typisch klassischen amerikanischen Szenario, in den goldenen 50ern im mittleren Westen der USA, in der "kleinen Großstadt" Boise im Bundesstaat Idaho. Der Vater studierte Insektenkunde und arbeitete anschließend als Forscher, die Mutter Hausfrau, Lynch hat einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester. Es ist das gute "all american Life", in dem David aufwächst. Und so schön es sich anhört, es war wohl genau dieses Idyll, das so störte. Schaut man sich die düsteren und verstörenden Geschichten, die Lynch erzählt an, bringt man dies nicht unbedingt mit einer ausgeglichenen, wundervollen Kindheit in Verbindung. Lynch wurde oft nach seiner Kindheit oder Teenagerzeit befragt oder auch nach Drogenexzessen oder sonstigen außergewöhnlichen Einschnitten in sein Künstlerleben. Doch nichts dergleichen fand statt. Er ging den Weg des Künstlers, allerdings ohne Exzesse. Er schnitt sich kein Teil seines Ohres ab und steckte sich irgendwann auch kein Gewehr in den Mund. Lynch liebt Kaffee, Cola und Zigaretten. Mehr Laster gibt es nicht. Lynchs größte Inspiration war das Leben und die Menschen um ihn herum. Er sah all dies mit anderen Augen. Seine Jugendjahre im ländlichen Städtchen Boise in Idaho, gefolgt vom chaotischen, dreckigen, düsteren Stadtleben in einem ziemlich heruntergekommenen Stadtviertel in Philadelphia während seiner ersten Künstlerjahre. All dies übte großen Einfluss auf seine zuküftige Arbeit aus.
McKenna recherchierte und schrieb ihre Ergebnisse auf, Lynch überprüfte, gegebenenfalls korrigierte und schrieb seine Sicht der Dinge zu vorangegangenen Recherchen über sein Leben. So funktioniert die Biografie im Wechselspiel zwischen Lynch und McKenna und eröffnet so dem Leser eine etwas breitere Sichtweise auf jedes Kapitel und jeden Abschnitt in Lynchs Leben. Interessant und spannend, ohne überflüssiges Gesäusel über die erste Eistüte mit dem Vater oder ähnliche Rückblicke. "Traumwelten" entführt den Geist und inspirierend ihn. Alles gut dosiert und frei von Skandalen. Was man natürlich von seinen Filmen nicht unbedingt behaupten kann. Von verstörenden Bildern des Familienlebens in "Eraserhead", über die harten Erkenntnisse des Lebens eines jungen Menschen in "Blue Velvet" bis hin zum Meisterwerk des Twin Peaks-Schöpfers und gleichzeitig zu einem der genialsten Film Noirs der Geschichte: "Mulholland Drive". Lynch erzählt in seinem Buch natürlich auch ein wenig von den Entwicklungen und Dreharbeiten der einzelnen Filme. Er schreibt von seiner Liebe zum Kino, zur Kunst, zur Musik und einfach zum Leben und führt uns in seiner ganz besonderen Art durch die dunklen kurvigen Straße, irgendwo oben, zwischen den Hügeln Hollywoods...



Grandioser Soundtrack von Komponist Angelo Badalamenti
zum Film...


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