Freitag, 15. Juni 2018

ROGUE SHOTS: Bereitet meinen Auftritt vor



Es war unerträglich heiß in ihrem kleinen Studio,
das sie vor einem halben Jahr,
als sie aus Oklahoma ankam gemietet hatte
Doch wo sollte sie schon hin?
In Hollywood war die Hölle los.
Die Straßen waren überlaufen von Menschen
Linda konnte nichts anderes tun als warten.
Warten, auf diesen einen Anruf...

Als das Telefon schließlich klingelte,
war sie schon benebelt von billigem kanadischen Whiskey.
Doch sie sagte dem Anrufer, dass sie heute noch kommen würde.
Sie ging ins Bad, duschte, trug frische Schminke auf
und zog ihr Sommerkleid an.
Ihre Augen suchten im Spiegel nach einem Anzeichen dafür,
dass man ihr die Rolle nicht geben würde.
Sie fand nichts. Sie war überzeugt,
dass es diesmal klappen würde.
Sie brauchte dieses Engagement, allein schon wegen dem Geld,
sonst würde sie schon in wenigen Tagen auf der Straße stehen.

"Bereitet meinen Auftritt vor", hauchte sie ihrem Spiegelbild entgegen,
nahm ihre Sachen und verließ ihr Studio.
Sie spürte die Sonne auf ihrer Haut.
Der Sommer hatte die Stadt fest gepackt.
Linda nahm den Bus, fuhr drei Stationen und stieg aus.
Das Büro lag gleich auf der gegenüberliegenden
Straßenseite.

Sie meldete sich bei einer mexikanischen Sekretärin,
die einen eher niedergeschlagenen Eindruck machte an
und wartete.
Es wunderte sie, dass sie die einzige war.
Keine zehn Minuten später wurde sie ins Büro gerufen.
Sie bekam einen Text und schon nach wenigen Dialogen,
befahl ihr der Mann im weißen Hemd, mit
der Brille und dem schlechten Atem sich auszuziehen.

Linda wurde nervös, legte dann aber doch ihr Kleid ab
und schob sich ihre Nagelfeile unauffällig in den Nylonstrumpf.
Sie hatte Angst.
Er öffnete seine Hose und trat auf sie zu.
Er fasste sie mit seiner dicken Hand an den Hals
und drückte etwas zu.
"Das ist Teil der Szene", sagte er.
Bevor seine andere Hand zwischen ihren Beinen
angekommen war, hatte sie schon die Nagelfeile
aus ihrem Strumpf gezogen und sie ihm in
den dicken Hals gerammt.
Das Blut spritzte wie aus einem Springbrunnen heraus.
Sie machte einen schnellen Schritt zur Seite
und sah, wie der übergewichtige Körper
auf den Boden fiel.

Linda war aufgedreht und fing an,
die Schubladen seines Schreibtisches
zu durchsuchen.
Sie fand schließlich $300, die sie einsteckte.

Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
Sie schluchzte und kniete sich hin,
fast, als ob sie beten würde.
Die Tür ging auf und die Mexikanerin
sah sie an.
Lindas Schock war ihr anzusehen.
Die Mexikanerin lächelte, setzte sich
neben sie auf den Boden und nahm sie in den Arm.
"Es ist alles gut. Ich rufe einen guten Freund von mir an.
Der weiß was zu tun ist. Dieser Kerl war kein
guter Mensch und er hat nur gekriegt, was er verdient hat.
Mach dir keine Sorgen."
Linda ließ sich hoch helfen, schob sich
die Geldscheine in ihre Nylonstrümpfe, zog ihr
Kleid wieder an und verabschiedete sich von
ihrer Lebensretterin mit einem Kuss auf die Wange.

Draußen empfing sie die Hitze mit voller Wucht.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und
ging zurück Richtung Hollywood Boulevard.
Diesmal nahm sie nicht den Bus.
Sie hatte etwas Geld.
Es würde ihr nicht lange helfen, aber für eine kurze Zeit
wäre vielleicht alles in Ordnung.
Vielleicht hatte sie ja Glück gehabt?
Wenn auch nur für eine sehr kurze Zeit
während des Sommers und
die Sonne einfach weiterstrahlte...

- MM






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