Freitag, 1. Juni 2018

ROGUE SHOTS: Der Mann, der sich auflöste


Er kam von der Arbeit nach Hause. Es war schon spät...

Sein müder Körper fiel auf die Couch und sein Blick wanderte durch den von einer kleinen Lampe beleuchteten Raum. Er konnte die Lücken zwischen seinen Büchern, die auf den Regalen standen erkennen, wusste aber, dass diese Lücken dort nicht hingehörten. 

Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und sah, dass es fast nichts mehr gab, was er essen konnte. Er griff sich eine Flasche Bier und nahm sich das letzte Glas aus dem Schrank. Bis auf einen Teller und eine Gabel, gab es weder Geschirr, noch Besteck. Jemand musste in seine Wohnung eingebrochen sein. 

Mit dem Bier in der Hand ging er durch die einzelnen Zimmer und überprüfte, was fehlte und jedes Mal, wenn er an seinem Bücherregal vorbeikam, hatte er das Gefühl, dass ein weiteres Buch verschwunden war. 

Im Schlafzimmer stand nur noch sein Bett, darauf eine Decke und ein Kissen, jeweils ohne Bezug. Sein Kleiderschrank war bis auf eine blaue Jeans und ein weißes T-Shirt komplett leer. 

In der Küche stand noch der Kühlschrank, ein Esstisch, ein Stuhl und die Spüle, doch jegliche Spül- und Putzmittel waren weg, auch die Bilder an der Wand fehlten. 

Er ging ins Badezimmer. Es war, als wäre nie jemand hier gewesen. Das Bad war bis auf die letzte Rolle Toilettenpapier leergeräumt. Selbst die Dusche hatte keinen Vorhang mehr.

Als er zurück in den Flur kam, bemerkte er, dass die Flasche Bier aus seiner Hand verschwunden war. Er drehte sich nach links und sah sich selbst im Spiegel, der noch an der Wand hing. 

Was war hier geschehen? Das war kein Einbruch. Oder doch? War jemand während seiner Abwesenheit in seine Wohnung gekommen und hat sie fast komplett leergeräumt? Aber wie soll er sich Zugang verschafft haben? Die Tür war abgeschlossen, als er ankam und die Balkontür war ebenfalls fest verschlossen und wo war seine Flasche Bier, die er vor einer Minute noch in der Hand hielt? Er musste sie irgendwo abgestellt haben. 

Er ging zurück ins Wohnzimmer und schaute nach. Doch hier gab es mittlerweile gar nichts mehr. Er stand in einem leeren Raum. Verunsichert lief er durch jedes Zimmer. Sie waren alle leer, völlig unmöbliert. Nur noch die Lampen, die überall leuchteten waren übrig.

"Das ist verrückt..." sprach er in die leere Wohnung.

Im Wohnzimmer wieder angekommen merkte er, wie müde er geworden war. Trotz der Aufregung wollte er nichts weiter als schlafen. Er legte sich auf den nackten Boden und war in wenigen Sekunden eingeschlafen, während die ganze Wohnung in der Dunkelheit versank. 

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Eine Frau um die 30, Vermieterin der Wohnung trat in den Flur, gefolgt von einem jungen Pärchen. Die Frau trug ein Baby auf dem Arm, der Mann neben ihr tätschelte ihr sanft die Schulter und lächelte immer wieder dem Baby zu. 
"Das wäre dann die Wohnung", sagte die Vermieterin und ging durch den Flur.
Die junge Mutter schaute sich kurz um und sagte: "Ich hätte da mal eine Frage..."
Die Vermieterin nickte.
"Uns ist zu Ohren gekommen, dass hier jemand ermordet wurde oder sowas...?"
Sie kamen alle ins Wohnzimmer
"Nein, so etwas ist hier nicht passiert."
Der Mann schaltete sich in die Unterhaltung ein. "Aber hier ist doch mal jemand verschwunden, oder?"
Die Vermieterin setzte ein nicht ganz überzeugendes Lächeln auf. 
"Die Wohnung war eines Tages einfach komplett leergeräumt und sah aus wie neu. Der Mann, der hier gewohnt hat, war einfach verschwunden, ohne irgendjemand etwas zu sagen, von ein auf den anderen Tag. Das ist hier passiert. Mehr nicht."
"Eigenartig", sagte die junge Mutter und die Vermieterin nickte wieder.
"Sind Sie dennoch interessiert? Es gibt nämlich noch weitere Interessenten."
Das junge Pärchen schaute sich kurz an, lächelte und sagte dann zu.
"Ja, wir möchten die Wohnung", sagte die Frau und wippte ihr Baby im Arm.
"Na, gefällt es dir hier auch?" fragte die Mutter und das Baby streckte seinen Arm nach unten aus, als wolle es nach irgendetwas auf dem Boden greifen. 
"Da ist doch nichts", sagte die Mutter in verspieltem Ton und küsste ihr Kind. 

- MM


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