Dienstag, 30. Juli 2019

Miller mit Mailer


Joel Dicker
DAS VERSCHWINDEN DER STEPHANIE MAILER

Der in Genf geborene Autor beginnt seine Geschichte am 30. Juli 1994. Heute vor 25 Jahren. Ein vierfacher Mord in einer kleinen harmonischen Gemeinde in den Hamptons. Ein regelrechtes Massaker. Dicker hatte einst mit seinem Buch "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" für Furore auf dem Buchmarkt gesorgt und das mit einer ziemlich unaufgeregten Schreibe. Er erzählt uns eine Geschichte über Intrigen, Mord und Korruption und ehe man sich versieht, ist man tatsächlich vollends in der Handlung drin und klebt an jeder Seite.

Es folgte ein beklommenes Schweigen. Dann murmelte Polizeichef Gulliver, als versuche er gerade die Tragweite dieser Situation zu erfassen: "Hier beginnt der Vermissten-Fall Stephanie Mailer."

Auch wenn seine Bücher den Anschein machen, als wären sie die perfekte Vorlage für einen dieser etwas kitschigen TV-Krimis aus den 80ern oder 90ern macht es Dicker ziemlich clever und spielt tatsächlich mit Klischees, aber nicht in einer Art und Weise, die das Lesen unangenehm macht. Man möchte weiterkommen in der Geschichte und den Ermittlern Rosenberg, Scott und dem eifrigen Deputy Chief Anna Kanner auf Schritt und Tritt folgen. Die Story springt von Figur zu Figur und auch immer wieder zwischen den Zeiten 1994, das Jahr des brutalen Mehrfachmordes und 2014, in dem Stephanie Mailer verschwand, nachdem sie Detective Rosenberg den Tipp gegeben hat, dass damals bei den Ermittlungen der falsche Täter gefasst wurde. Aber man verliert nie den Faden.

Dickers Buch ist wie geschaffen für ein paar unterhaltsame und spannende Stunden in der Sonne mit einem kühlen Bier in der Hand. Wer bisher vielleicht eher misstrauisch mit dem Autoren aus der Schweiz umgegangen ist, sollte sich mal einen Ruck gegeben und sich seine Geschichte durchlesen. Ein wunderbarer Krimi, so simpel eigentlich - und doch so effektiv. Gute Unterhaltung für zwischendurch.

672 Seiten, ISBN 978-3-492-05939-8, Piper Verlag, 25,00 Euro



Dienstag, 23. Juli 2019

Kaffee im Mars Room


Rachel Kushner
ICH BIN EIN SCHICKSAL

Ihr wärt nicht mitgegangen. Das ist mir klar. Ihr wärt nicht mit in sein Zimmer gegangen. Ihr hättet ihn nicht um Hilfe gebeten. Ihr wärt mit elf nicht um Mitternacht durch die Gegend geirrt. Ihr hättet warm und trocken daheim in euren Betten gelegen und geschlafen, bei eurer Mutter und eurem Vater, die sich um euch sorgten und euch Regeln, Zeiten, Erwartungen mit auf den Weg gaben. Für euch wäre alles anders gewesen. Aber an meiner Stelle hättet ihr das Gleiche gemacht wie ich. Ihr wärt mitgegangen, hoffnungsvoll und dumm, um Geld für das Taxi zu bekommen.

Schicksal. Was bedeutet das eigentlich? Wann benutzt man dieses Wort und gibt es einem einfach ein gutes Gefühl, dass schon irgendwie alles seine Richtigkeit hat und einen Sinn ergibt? Romy Hall kann dazu auch eine Menge erzählen. Sie ist ein Schicksal. Sie ist ihre Geschichte. Benannt nach der Schauspielerin Romy Schneider. Ein gefallener Engel, ein Mensch, der mit viel Traurigkeit erfüllt wurde, auch wenn die Film-Ikone der 70er Jahre nicht zweimal lebenslänglich in einem Frauenknast in Kalifornien absitzen musste. Diese Strafe muss Romy Hall antreten. Ehemalige Stripperin im Lokal "Mars Room" und nun weiblicher Knacki.
Romy lässt uns an ihrem Seelenleben teilhaben. Sie erzählt uns ihre Geschichte und Rachel Kushner hilft ihr dabei mit ihrer besonderen und eindringlichen Art.
Ihr Buch "Flammenwerfer" war ein Erfolg und wurde in den Feuilletons gefeiert. Nun erneut die Geschichte einer Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer nicht allzu einfachen Gegenwart auseinandersetzt. Eine einsame Kämpferin, die letztendlich hohe Hürden nehmen muss, um dann doch wieder vor einer Wand zu stehen. War es im "Flammenwerfer" noch die rebellische Reno, die sich im New York der 70er zwischen Traumtänzern und Revoluzzern tummelt, immer mit dem Blick auf die Liebe, heißt Kushners neue Anti-Heldin Romy und ist in San Francisco der aktuellen Dekade mit ähnlichen verlorenen Typen unterwegs bis es dann in diesem besagten Mars Room zum schicksalhaften Treffen kommt.
Egal, welcher Illusion man sich hingibt, diese Seelenfahrt wird nicht gut ausgehen. Die US-Autorin, geboren im Jahr 68 (natürlich!) schafft ein neues Werk, das ebenfalls Spuren beim Leser hinterlassen wird, aber "Ich bin ein Schicksal" geht noch etwas tiefer als Kushners Vorgänger. Es wirkt überlegter und ehrlicher. Voller Härte, aber auch melancholisch, wenn auch niemand hier um Mitgefühl oder Vergebung bittet. Ein Schicksal lässt sich nicht ändern. Ein ganz starker Roman, der gelesen werden muss.

400 Seiten, ISBN 978-3-498-03580-8, Rowohlt Verlag, 24,00 Euro


Freitag, 19. Juli 2019

Kaffee mit Peter Jamin (Interview)



Wir denken immer, die Welt sei gerecht oder wir können sie, falls es nicht so ist, ändern. Wir glauben an die Worte von Politikern, die uns Gerechtigkeit versprechen. Doch die Welt ist nicht gerecht. Wir leben nur in einem Land, das uns mehr Gerechtigkeit bietet als den Menschen anderswo. 

- aus dem Fall "Oma Kötter und die entführten Mädchen"

In seinem Buch "Ohne jede Spur" muss sich Peter Jamin mit vielen Ungerechtigkeiten abfinden. Viele vermisste Menschen bleiben einfach verschwunden - für immer. Eine Tatsache, mit der man eigentlich nicht leben kann. Der Autor betreut Angehörige von Menschen, die vermisst werden. Eine schwierige Aufgabe. Im Buch schildert Jamin einige dieser Fälle. Immer auf den Punkt gebracht, schnörkellos erzählt und leider oft ohne Happy End. Absolut lesenswert! Nach dem Lesen, wollte ich Peter Jamin ein paar Fragen zu dem Buch stellen und er willigte ein.

HIER NUN DAS INTERVIEW MIT PETER JAMIN:

RB: In der Danksagung steht, Ferdinand von Schirach hätte Sie inspiriert, das Buch zu schreiben, aber wann war der Punkt erreicht, wo Sie sich dann tatsächlich hingesetzt haben und angefangen haben an dem Buch zu arbeiten?

PJ: Ich habe immer wieder einmal darüber nachgedacht über die Schicksale von Vermissten und ihrer Angehörigen zu schreiben. Von Schirach hat mir letztlich mit seinen Storys den Weg gewiesen. Dabei habe ich mich auch an den Stil des Literary Journalism etwa von Norman Mailer oder Truman Capote erinnert. So sind Kurzgeschichten entstanden, die - so der Rowohlt-Verlag - einen hochspannenden Blick auf spektakuläre Kriminal- und Vermisstenfälle bieten.

Ich beschreibe in meinem neuen Buch "Ohne jede Spur. Wahre Geschichten von vermissten Menschen" die Schicksale von Angehörigen wie von Vermissten aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. So erzähle ich die Geschichte eines Mannes, der nach 30 Jahren zum Sterben heimkehrt. Der Manager eines Industrieunternehmens stellt sich - in einer anderen Story - im Anzug und mit Aktenkoffer an die Autobahnauffahrt und trampt mit einem Lkw nach Spanien. Eine Seniorin sucht ihren an Demenz erkrankten Ehemann nach dem Hinweis eines Hellsehers an den Ufern von Gewässern. Ein 17-Jähriger sucht das Abenteuer in der Fremdenlegion, und ein an Depressionen erkrankter Werbekaufmann wird in New York vermisst.

RB: An wie vielen Vermisstenfällen haben Sie bis dato schon gearbeitet?

PJ: Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Vermisstenfällen und berate ehrenamtlich Angehörige von Vermissten. Bis heute in mehr als 2000 Fällen. Das hört sich viel an, ist aber angesichts der Vermisst-Zahlen jedes Jahr sehr wenig. Jedes Jahr werden bei der Polizei rund 100.000 Menschen als vermisst registriert, davon etwa 50.000 Kinder und Jugendliche. Mehr als 500.000 Angehörige sind vom Verschwinden eines Menschen direkt betroffen.

RB: Sie mussten sich erneut mit den im Buch geschilderten Fällen auseinandersetzen und auch wieder „zurückkehren“. Wie schwer sind Ihnen emotional die Erinnerungen gefallen?

PJ: Es fällt mir nicht schwer, mich an einzelne Fälle zu erinnern oder mich mit ihnen erneut zu befassen. Ich betrachte die Beratung von Angehörigen eher als soziales Management und gehe professionell mit den Problemen um. Allerdings gibt es immer wieder Fälle, die mich besonders berühren, was an den Umständen von einzelnen Fällen liegt. Dazu gehört sicherlich - wie bei den meisten Menschen - das Verschwinden von kleinen Kindern.

RB: Gab es seit der Veröffentlichung des Buches ein besonderes Erlebnis für Sie, das es ohne das Buch wohl nicht gegeben hätte?

PJ: Ja. Vor wenigen Wochen habe ich in Düsseldorf in der Kultur- und Literaturkneipe "Sassafras" eine Lesung gehalten. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Publikum so ergriffen sein kann von Kurzgeschichten. Die Resonanz, das Mitgefühl war außergewöhnlich. 
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Ich habe mir vorgenommen mit meinem Buch mehr Lesungen zu machen. Veranstalter sind also herzlich eingeladen, sich bei mir zu melden. Erste Resonanz gibt es bereits: Ich bin zum "Saarländischen Literaturfestival am 5. März 2020 eingeladen. 
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RB: Helfen Sie weiterhin Angehörigen von vermissten Menschen und wird es möglicherweise ein zweites Buch geben?

PJ: Zweimal Ja. Wer über die neusten Aktivitäten informiert werden will, findet hier die News: www.ohnejedespur.de

Vielen Dank, Herr Jamin!


Zum Buch:
OHNE JEDE SPUR
Wahre Geschichten von vermissten Menschen

208 Seiten, ISBN 978-3-499-63415-4, Rowohlt Verlag, 10,00 Euro




Freitag, 12. Juli 2019