Dienstag, 23. Juli 2019

Kaffee im Mars Room


Rachel Kushner
ICH BIN EIN SCHICKSAL

Ihr wärt nicht mitgegangen. Das ist mir klar. Ihr wärt nicht mit in sein Zimmer gegangen. Ihr hättet ihn nicht um Hilfe gebeten. Ihr wärt mit elf nicht um Mitternacht durch die Gegend geirrt. Ihr hättet warm und trocken daheim in euren Betten gelegen und geschlafen, bei eurer Mutter und eurem Vater, die sich um euch sorgten und euch Regeln, Zeiten, Erwartungen mit auf den Weg gaben. Für euch wäre alles anders gewesen. Aber an meiner Stelle hättet ihr das Gleiche gemacht wie ich. Ihr wärt mitgegangen, hoffnungsvoll und dumm, um Geld für das Taxi zu bekommen.

Schicksal. Was bedeutet das eigentlich? Wann benutzt man dieses Wort und gibt es einem einfach ein gutes Gefühl, dass schon irgendwie alles seine Richtigkeit hat und einen Sinn ergibt? Romy Hall kann dazu auch eine Menge erzählen. Sie ist ein Schicksal. Sie ist ihre Geschichte. Benannt nach der Schauspielerin Romy Schneider. Ein gefallener Engel, ein Mensch, der mit viel Traurigkeit erfüllt wurde, auch wenn die Film-Ikone der 70er Jahre nicht zweimal lebenslänglich in einem Frauenknast in Kalifornien absitzen musste. Diese Strafe muss Romy Hall antreten. Ehemalige Stripperin im Lokal "Mars Room" und nun weiblicher Knacki.
Romy lässt uns an ihrem Seelenleben teilhaben. Sie erzählt uns ihre Geschichte und Rachel Kushner hilft ihr dabei mit ihrer besonderen und eindringlichen Art.
Ihr Buch "Flammenwerfer" war ein Erfolg und wurde in den Feuilletons gefeiert. Nun erneut die Geschichte einer Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer nicht allzu einfachen Gegenwart auseinandersetzt. Eine einsame Kämpferin, die letztendlich hohe Hürden nehmen muss, um dann doch wieder vor einer Wand zu stehen. War es im "Flammenwerfer" noch die rebellische Reno, die sich im New York der 70er zwischen Traumtänzern und Revoluzzern tummelt, immer mit dem Blick auf die Liebe, heißt Kushners neue Anti-Heldin Romy und ist in San Francisco der aktuellen Dekade mit ähnlichen verlorenen Typen unterwegs bis es dann in diesem besagten Mars Room zum schicksalhaften Treffen kommt.
Egal, welcher Illusion man sich hingibt, diese Seelenfahrt wird nicht gut ausgehen. Die US-Autorin, geboren im Jahr 68 (natürlich!) schafft ein neues Werk, das ebenfalls Spuren beim Leser hinterlassen wird, aber "Ich bin ein Schicksal" geht noch etwas tiefer als Kushners Vorgänger. Es wirkt überlegter und ehrlicher. Voller Härte, aber auch melancholisch, wenn auch niemand hier um Mitgefühl oder Vergebung bittet. Ein Schicksal lässt sich nicht ändern. Ein ganz starker Roman, der gelesen werden muss.

400 Seiten, ISBN 978-3-498-03580-8, Rowohlt Verlag, 24,00 Euro


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