Freitag, 19. Juli 2019

Kaffee mit Peter Jamin (Interview)



Wir denken immer, die Welt sei gerecht oder wir können sie, falls es nicht so ist, ändern. Wir glauben an die Worte von Politikern, die uns Gerechtigkeit versprechen. Doch die Welt ist nicht gerecht. Wir leben nur in einem Land, das uns mehr Gerechtigkeit bietet als den Menschen anderswo. 

- aus dem Fall "Oma Kötter und die entführten Mädchen"

In seinem Buch "Ohne jede Spur" muss sich Peter Jamin mit vielen Ungerechtigkeiten abfinden. Viele vermisste Menschen bleiben einfach verschwunden - für immer. Eine Tatsache, mit der man eigentlich nicht leben kann. Der Autor betreut Angehörige von Menschen, die vermisst werden. Eine schwierige Aufgabe. Im Buch schildert Jamin einige dieser Fälle. Immer auf den Punkt gebracht, schnörkellos erzählt und leider oft ohne Happy End. Absolut lesenswert! Nach dem Lesen, wollte ich Peter Jamin ein paar Fragen zu dem Buch stellen und er willigte ein.

HIER NUN DAS INTERVIEW MIT PETER JAMIN:

RB: In der Danksagung steht, Ferdinand von Schirach hätte Sie inspiriert, das Buch zu schreiben, aber wann war der Punkt erreicht, wo Sie sich dann tatsächlich hingesetzt haben und angefangen haben an dem Buch zu arbeiten?

PJ: Ich habe immer wieder einmal darüber nachgedacht über die Schicksale von Vermissten und ihrer Angehörigen zu schreiben. Von Schirach hat mir letztlich mit seinen Storys den Weg gewiesen. Dabei habe ich mich auch an den Stil des Literary Journalism etwa von Norman Mailer oder Truman Capote erinnert. So sind Kurzgeschichten entstanden, die - so der Rowohlt-Verlag - einen hochspannenden Blick auf spektakuläre Kriminal- und Vermisstenfälle bieten.

Ich beschreibe in meinem neuen Buch "Ohne jede Spur. Wahre Geschichten von vermissten Menschen" die Schicksale von Angehörigen wie von Vermissten aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. So erzähle ich die Geschichte eines Mannes, der nach 30 Jahren zum Sterben heimkehrt. Der Manager eines Industrieunternehmens stellt sich - in einer anderen Story - im Anzug und mit Aktenkoffer an die Autobahnauffahrt und trampt mit einem Lkw nach Spanien. Eine Seniorin sucht ihren an Demenz erkrankten Ehemann nach dem Hinweis eines Hellsehers an den Ufern von Gewässern. Ein 17-Jähriger sucht das Abenteuer in der Fremdenlegion, und ein an Depressionen erkrankter Werbekaufmann wird in New York vermisst.

RB: An wie vielen Vermisstenfällen haben Sie bis dato schon gearbeitet?

PJ: Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Vermisstenfällen und berate ehrenamtlich Angehörige von Vermissten. Bis heute in mehr als 2000 Fällen. Das hört sich viel an, ist aber angesichts der Vermisst-Zahlen jedes Jahr sehr wenig. Jedes Jahr werden bei der Polizei rund 100.000 Menschen als vermisst registriert, davon etwa 50.000 Kinder und Jugendliche. Mehr als 500.000 Angehörige sind vom Verschwinden eines Menschen direkt betroffen.

RB: Sie mussten sich erneut mit den im Buch geschilderten Fällen auseinandersetzen und auch wieder „zurückkehren“. Wie schwer sind Ihnen emotional die Erinnerungen gefallen?

PJ: Es fällt mir nicht schwer, mich an einzelne Fälle zu erinnern oder mich mit ihnen erneut zu befassen. Ich betrachte die Beratung von Angehörigen eher als soziales Management und gehe professionell mit den Problemen um. Allerdings gibt es immer wieder Fälle, die mich besonders berühren, was an den Umständen von einzelnen Fällen liegt. Dazu gehört sicherlich - wie bei den meisten Menschen - das Verschwinden von kleinen Kindern.

RB: Gab es seit der Veröffentlichung des Buches ein besonderes Erlebnis für Sie, das es ohne das Buch wohl nicht gegeben hätte?

PJ: Ja. Vor wenigen Wochen habe ich in Düsseldorf in der Kultur- und Literaturkneipe "Sassafras" eine Lesung gehalten. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Publikum so ergriffen sein kann von Kurzgeschichten. Die Resonanz, das Mitgefühl war außergewöhnlich. 
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Ich habe mir vorgenommen mit meinem Buch mehr Lesungen zu machen. Veranstalter sind also herzlich eingeladen, sich bei mir zu melden. Erste Resonanz gibt es bereits: Ich bin zum "Saarländischen Literaturfestival am 5. März 2020 eingeladen. 
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RB: Helfen Sie weiterhin Angehörigen von vermissten Menschen und wird es möglicherweise ein zweites Buch geben?

PJ: Zweimal Ja. Wer über die neusten Aktivitäten informiert werden will, findet hier die News: www.ohnejedespur.de

Vielen Dank, Herr Jamin!


Zum Buch:
OHNE JEDE SPUR
Wahre Geschichten von vermissten Menschen

208 Seiten, ISBN 978-3-499-63415-4, Rowohlt Verlag, 10,00 Euro




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