Dienstag, 10. September 2019

Durch die Nacht mit Stig & Kaffee


Stig Saeterbakken
DURCH DIE NACHT

Eine einzige Entscheidung. Eine einzige Handlung. Das Leben ist, selbst wenn es manchmal völlig intakt scheint, nie vor Schicksalsschlägen und Trauer sicher. Es kann ständig passieren und wie Stig Saeterbakken in seinem letzten Roman schreibt: "Trauer tritt in so vielen Formen auf."

Karl Meyer ist Zahnarzt, Ehemann und Vater von zwei Kindern. Einem Sohn und einer Tochter. Dann begegnet er der viel jüngeren attraktiven Mona und beginnt eine Affäre mit ihr. Irgendwann kann er es nicht mehr verheimlichen und erzählt seiner Frau Eva von seiner Geliebten. Erst passiert nicht viel, Schweigen und unausgesprochene Wut durchziehen die Tage der Familie Meyer bis sich schließlich der achtzehnjährige Sohn Ole-Jakob das Leben nimmt. War das Familienleben schon vorher durch Karls Beichte bedrückend genug, ist es nun unerträglich geworden.

Gefühle, die man eigentlich nicht oder nur schwer beschreiben kann, werden zu Worten. Nicht viele verfügen über eine derartige Macht der Sprache. In diesem Fall ist es der norwegische Autor Stig Saeterbakken, der 2008 für einen Skandal sorgte, als er den Holocaust-Leugner David Irving zum Literaturfest in seine Geburtsstadt Lillehammer einlud und sich 2012 nach langer Zeit, in der er unter Despressionen litt, das Leben nahm.

Saeterbakken führte in seinen letzten Lebensjahren wohl selbst kein glückliches Dasein mehr. In "Durch die Nacht" schenkt er seinem Protagonisten Karl Meyer wenigstens noch Hoffnung, in dem er ihm in Aussicht stellt, seine Ängste in einem mysteriösen Haus in der Slowakei zu bewältigen oder, sollte es nicht funktionieren, letztendlich daran zugrunde zu gehen. Saeterbakken hatte dieses Haus nicht.

Der Roman, der ein Jahr vor seinem Tod in Norwegen erschien und sein letzter war, erreicht nun den deutschen Markt und haut einen mit dieser unglaublichen Wucht aus Melancholie einfach um. Der Abgrund öffnet sich und man wird zwangsläufig hinuntergezogen. Die Geschichte ist ein Mix aus Psycho-Drama, Roadmovie und auch irgendwie Horror, wenn sich eben jenes sagenumwobene Haus dem Leser öffnet.

Auch wenn es nicht unbedingt ein Buch ist, das man mit dem Genre in Verbindung bringen würde, sehe ich trotzdem so viele Elemente des Noirs. Diese Geschichte wird ähnliche Spuren hinterlassen, wie Werke von Jim Thompson, Cornell Woolrich oder James M. Cain. Ein großartiges Buch!

288 Seiten, ISBN 978-3-8321-8365-3, Dumont Verlag, 22,00 Euro


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