Freitag, 13. März 2020

Kaffee mit Haarmann


Dirk Kurbjuweit
HAARMANN

Es war dunkel, zehn Uhr, leere Straßen. Er hörte das Plätschern der Leine, ging über die Brücke, schlug den Weg zum "Café Kröpcke" ein. Auf den letzten Metern sprachen ihn Jungs an, die er zum Teil kannte, zum Teil nicht. Es kamen immer neue hinzu. Sie interessierten ihn nicht, nicht heute. Er wusste, wie es war mit ihnen. Sie waren krank, nahmen Gifte, die ihre Augen leuchten ließen. Erst waren sie aufgekratzt, dann schweigsam und teilnahmslos. Und vorsichtig waren sie, stets auf der Hut, mit allen Wassern gewaschen. (aus "Haarmann")


Er ist wieder da. Er war auch nie wirklich weg, wenn ihm auch am 15. April 1925 der Kopf vom restlichen Körper durch ein Fallbeil getrennt wurde. Die Rede ist vom Fritz. Der Haarmann. Serienmörder und Kultfigur, besonders in seiner Heimatstadt Hannover. Verrückt, aber wahr, so wie er selbst. Nun hat sich der Autor Dirk Kurbjuweit um den Fall Haarmann gekümmert und diesem ein Buch gewidmet. Dem Werwolf oder Vampir von Hannover, der junge Männer, zum Teil fast noch Kinder vom Bahnhof in Hannover zu sich in die Wohnung lockte, dort mit Ihnen Sex hatte, tötete und zerstückelte - vielleicht sogar zu Wurst verarbeitete? Es gibt so viele Mythen über den Fall, Bücher und Verfilmungen wie "Der Totmacher" aus dem Jahr 1995 oder auch "Die Zärtlichkeit der Wölfe" aus den frühen 70ern. 1961 erschien das "Haarmann Lied" und hielt sich vier Wochen in den Top Ten der damaligen Hitparade.

Nun also Kurbjuweit, der es unter anderem schon mit seinem Buch "Angst" (2013) geschafft hat selbige in den Kopf des Lesers zu transportieren. Ohne große Schnörkel in seinem Erzähltstil. In "Haarmann" lässt er sich teilweise etwas Zeit, blättert viel im historischen Archiv der Weimarer Republik, lässt uns teilhaben an dem sich schon abzeichnenden braunen Strudel der rechten NSDAP Partei und wie sie das Volk ganz langsam und bald sehr extrem beeinflusst. Inmitten dieser politischen Wirren steht Kommissar Lahnstein, der aus Bochum nach Hannover beordert wurde, um dort das Verschwinden zahlreicher Jungs bzw junger Männer aufzuklären. Kein leichtes Unterfangen, denn er wird bald merken, dass der Fall "Fritz Haarmann" alles andere als ein gewöhnlicher Kriminalfall ist. Intrigen, verbotener Sex, eine bestialische Mordserie und das alles vor der Kulisse der 20er Jahre. Tatsächlich etwas wundersam, dass daraus noch kein neuer Psycho-Thriller wie letztes Jahr "Der goldene Handschuh" in die Kinos gekommen ist, aber das Buch hätte das Zeug dazu. Den Fritz hätte es gefreut. Wenn auch an einigen Stellen etwas zu viel Politik und zu wenig Mordfall-Ambiente, Kurbjuweit schildert ein sehr lesenswertes Porträt einer Ära, einer Stadt und natürlich eines geistesgestörten Serienmörders. Ich ziehe meinen Hut.


Haarmann im Gefängnis


Er ging hinaus, wieder die Jungs, er lachte nur, stellte sich dann hinter einen Baum und klebte den Schnurrbart an. Es war kalt, aber er hatte einen guten Mantel, gedachte dankend des Vorbesitzers, Gott habe ihn selig, und ging in Richtung Hauptbahnhof. Ruhiger Schritt, er hatte es nicht eilig, es war noch nicht einmal Mitternacht. Er freute sich, hohe Erwartungen. Dann tauchte der Bahnhof vor ihm auf, groß, mächtig, sein Revier. (aus "Haarmann")

316 Seiten, ISBN 978-3-328-60084-8, Penguin Verlag, 22,00 Euro


Gute kurze Doku:




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