Samstag, 4. April 2020

Kaffee mit den Gefangenen


Debra Jo Immergut
DIE GEFANGENEN

Jetzt stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind ein zweiunddreißigjähriger Mann, und Sie sind Psychologe. Sie sitzen in Ihrem Souterrainbüro im Psychologischen Beratungszentrum einer Justizvollzugsanstalt des Staates New York. Ein Frauengefängnis. Sie sind an einem Montagmorgen leicht verspätet zur Arbeit gekommen und hatten keine Zeit mehr, Ihre Fallakten durchzusehen oder auch nur einen Blick auf Ihren Terminplan zu werfen. Und dann kommt die erste Insassin des Tages in ihrer gelben Gefängniskluft hereinspaziert. 
Und sie ist diese Person.
Sieht dem Mädchen, das zwischen knallenden Spindtüren über den Flur auf Sie zukommt, noch immer erschreckend ähnlich. Die Haare, der Gang.
Würde Sie das nicht ziemlich aus der Fassung bringen?
Seien Sie ehrlich. Sie könnten unmöglich vorhersagen, wie Sie reagieren würden. 



Autorin Debra Jo Immergut kennt sich in Strafanstalten tatsächlich ganz gut aus. Hier unterrichtet Sie schon seit vielen Jahren kreatives Schreiben und hat nicht nur Insassinnen und Insassen zum Schreiben ermutigt, sondern wurde auch selbst zu einer Geschichte inspiriert, die sie uns nun in ihrem Buch "Die Gefangenen" erzählt.
Es handelt vom Gefängnispsychologen Frank Lundquist, der eines Tages seine große High School Liebe Miranda Greene wiedertrifft, aber nicht irgendwo in einem Café oder an einer Straßenkreuzung, sondern in seinem Büro in der Frauenstrafanstalt in Milford Basin, New York. Verurteilt zu über 50 Jahren Haft. Es gebe zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Erste Möglichkeit: er könnte die Patientin einfach an einen anderen Psychologen weitervermitteln, was nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich, der richtige Schritt wäre. Zweite und schlechtere Möglichkeit: einfach so tun, als ob nichts wäre und ihren Fall völlig unbefangen behandeln. So sehr er es auch versucht, er kann seine Zuneigung ihr gegenüber einfach nicht leugnen und so geraten beide bald in einen gefährlichen Strudel aus Lügen und Verrat und so gehen die Dinge ihren Lauf, bis hin zu dieser unglaublich fatalen Entscheidung.

Immergut erzählt die fein skizzierten Geschichten dieser beiden Charaktere und lässt uns gemeinsam mit ihnen Richtung Abgrund schlendern. Naiv, verrückt, verzweifelt. Auch die Figuren, die eher am Rande der Geschichte spielen, sind sehr gut ausgearbeitet. Wer hier allerdings einen rasanten Psychothriller erwartet, wird enttäuscht werden. Die US-Autorin lässt es eher langsam angehen und schafft ein wunderbar tragisches Bild einer fatalen Liebesbeziehung. Ein wirklich gelungenes Debüt von Debra Jo Immergut. Man darf gespannt auf ihr nächstes Buch "You Again" sein, das (wahrscheinlich) im Juli auf dem amerikanischen Markt erscheinen wird. 

300 Seiten, ISBN 978-3-328-60019-0, Penguin Verlag, 20,00 Euro


Keine Kommentare:

Kommentar posten