Bière avec Rose

 


Nicolas Mathieu
ROSE ROYAL

Mit dem ersten Schluck löste sich etwas in ihrer Brust. Das Bier war kalt, die Zeitung schon zerlesen, und unter ihrer rechten Sohle spürte sie das feste Metall der Fußstütze. Diese drei Empfindungen ergaben für sie schon eine Welt, ein annehmbares Zuhause. Sie befeuchtete ihren Finger und blätterte um, und Fred fragte sie, was es Neues gebe.

Rose geht geradewegs auf die Fünfzig zu und verbringt ihre Zeit oft im Royal. Einer unscheinbaren Kneipe, zwischen Trinkern, Tagträumern, Ehemaligen, dem Wirt Fred und ihrer besten Freundin Marie-Jeanne, die das Lokal gerne auch als Arbeitsplatz nutzt, um Leuten die Haare zu schneiden. 
Rose hat schon vieles erlebt, die Kinder schon längst erwachsen, die vielen Enttäuschungen, in erster Linie mit Männern. Gewalt, Erniedrigungen hat sie erfahren müssen und so viel Zeit verschwendet. Damit soll es vorbei sein. Sie möchte sich zu nichts zu mehr verpflichten, möchte keine neue Liebschaft, vielmehr Freiheit und vor allem Sicherheit. Als ein weiterer ihrer Lebensgefährten droht handgreiflich zu werden, entschließt sich Rose einen Revolver zu kaufen - im Internet.

Nach elf Tagen kam die Waffe in einer Paketstelle ganz in der Nähe an. Als sie das Ding aus der Luftpolsterfolie zog, war sie überwältigt von seiner beinahe übernatürlichen Schönheit, silbern und schwarz, gleichzeitig üppig und erstaunlich fest. Sie sah sich Videoanleitungen im Internet an, um die Grundlagen zu lernen, dann ging sie in den Wald hinter der Stadt. Beim ersten Schuss klopfte ihr Herz wie beim ersten Rendezvous. Auch später gewöhnte sie sich nur schwer daran. Rose erwies sich als nicht besonders geschickt, das wollte sie auch gar nicht sein. Sie vergewisserte sich nur ihrer Hand, der Widerstandskraft ihres Gelenks. Vor allem wollte sie sich nicht lächerlich machen, wenn sie das Teil einem Mann vors Gesicht halten würde. Die Angst sollte die Seiten wechseln.

Eines Tages betritt Luc das Royal. Er ist im selben Alter, hat ebenfalls vieles hinter sich gelassen und überredet Rose kurze Zeit  später zu einem Treffen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und die Angst schwingt wie ein Pendel von einer zur anderen Seite bis es schließlich ganz stehen bleibt. Der französische Autor Nicolas Mathieu ("Wie später ihre Kinder", 2018) erzählt auf wenigen Seiten eine beeindruckende Geschichte einer sehr interessanten Figur, voller Leidenschaft und auf den Punkt gebracht. Auf diesen nicht mal 100 Seiten steht alles, was dieses Buch braucht. Ein kleiner Trip ins Noir-Genre, ein Roman, der sich wunderbar als Verfilmung während der Nouvelle Vague gemacht hätte, mit diesen Dialogen, dieser Atmosphäre, dieser eindrucksvollen Protagonistin und diesem tragischen Ende. Très bon!

96 Seiten, ISBN 978-3-446-26785-5, Hanser Literaturverlag, 18,00 Euro


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