Montag, 12. Oktober 2020

Ein Glas mit Polly, Annie, Liz, Kate und Mary Jane

 


Hallie Rubenhold
THE FIVE - Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper umgebracht wurden
Die Menschen schliefen auf dem Fußboden, auf Unterlagen von Lumpen und Stroh. Manche hatten all ihre Kleidung versetzt und besaßen kaum genug, um ihre Blöße zu bedecken. Alkoholismus, Unterernährung und Krankheiten waren in diesem Höllenkreis allgegenwärtig, so wie auch Gewalt in all ihren Ausformungen. Kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen prostituierten sich, um Geld zu verdienen. Jungen übten sich als Diebe und Taschendiebe. Das in seinen moralischen Grundsätzen gefestigte Mittelschichtsengland musste angesichts des Ausmaßes dieser abgrundtiefen, alles abtötenden Not unweigerlich zu der Ansicht gelangen, dass alle Regungen von Mitmenschlichkeit und Rechtschaffenheit, die normalerweise in zwischenmenschliche Beziehungen einfließen, hier im Keim erstickt wurden.

Ein kurzer Abschnitt aus Hallie Rubenholds Einblicke in das Leben von Whitechapel während der Zeit, als eines der bekannten Mordserien der Geschichte dort stattfand. Die Opfer waren mindestens fünf Frauen. Mary Ann "Polly" Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly. Sie wurden ganz offiziell zu den Mordopfern von Jack the Ripper gezählt. Bei Emma Elizabeth Smith und Martha Tabram gab es keine Bestätigung. Aber diese fünf Frauen, die "Kanonischen Fünf", wie sie bezeichnet wurden gelangten durch die bis heute ungeklärte Mordserie zu trauriger Berühmtheit. Allerdings hat sich nie jemand mit ihnen wirklich beschäftigt bzw. mit ihren Lebenswegen. Alles was man über sie weiß, ist, dass sie wohl zur Zeit Ihrer Ermordung als Prostituierte gearbeitet haben sollen. Doch stimmt das wirklich? Für Frauen wie Mary Ann "Polly" und Annie Chapman beispielsweise gab es nie einen eindeutigen Nachweis, dass sie tatsächlich als Prostituierte ihr Geld verdient haben. Die Armut und der Alkohol hatten sie nur sehr oft auf die Straße getrieben, auch eben nachts, wenn sie kein Geld für eine Unterkunft hatten. Dort schliefen sie dann auch mal in Häusereingängen oder brachen völlig betrunken auf dem Gehweg zusammen. 
Auch wenn die einzelnen Berichte über die fünf Frauen natürlich immer mit einer brutalen Ermordung enden, handelt es sich hier weniger um ein True Crime- Buch, sondern vielmehr um eine historische Aufarbeitung von eben diesen fünf Frauen, deren Leben erzählt werden soll. Auch wenn die Recherchen nicht ganz einfach waren. Autorin Hallie Rubenhold beklagt selbst, dass es sehr viele Widersprüche in den historischen Dokumenten und besonders in alten Zeitungsartikeln zu einigen der Frauen gab. 
Doch Rubenhold schafft es dennoch ein beinahe lückenloses Lebensbild jener ermordeten Frauen aufzuzeigen ohne großartige Ausschweifungen. Kein Kitsch, keine unnötigen dramatischen Wendungen, um den Leser zu fesseln. Die Geschichten, so wie sie erzählt sind, können aufgrund der einfachen und doch so fesselnden Erzählweise beeindrucken. 
"The Five" ist nicht nur für Leser, die sich für das viktorianische Zeitalter oder die Ripper-Morde interessieren, sondern für Leute, die gerne Biografien lesen, aber eben jene, die nicht so leicht zu verdauen sind und eben kein Happy- End haben. Es sind fünf tragische Lebensgeschichten, die nicht brutaler hätten enden können. Es sind die Geschichten von...


424 Seiten, ISBN 978-3-312-01186-5, Nagel & Kimche, 24,00 Euro



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