Runaround Sue


Sie war Athene, nicht Aphrodite: eine Kriegerin, eine "dunkle Prinzessin". Mit dem Verstand eines europäischen Philosophen und dem Aussehen eines Musketiers vereinigte sie Eigenschaften in sich, die man sonst nur von Männern kannte. Neu war, dass sie in einer Frau zusammentrafen - für Generationen von künstlerischen und intellektuellen Frauen ein Vorbild, überzeugender als alles bisher Gekannte.
Teilweise faszinierte sie Sontags Ruhm, weil er etwas nie Dagewesenes darstellte. Zu Beginn ihrer Karriere war sie voller Widersprüche: eine schöne junge Frau von furchterregender Bildung; eine Schriftstellerin von der unnachgiebigen Strenge der New Yorker Intellektuellen und zugleich eine Verfechterin der zeitgenössischen "niederen" Kultur, die die ältere Generation zu verabscheuen behauptete. Sie hatte keine echte Abstammungslinie. Obwohl viele ihrem Vorbild nacheiferten, vermochte niemand wirklich in ihre Fußstapfen zu treten. Sie schuf die Form, nur um sie dann zu zerbrechen.

- aus der Einleitung "Auktion der Seelen"

Als ich auf diese Biografie aufmerksam wurde, war plötzlich die Neugier ziemlich groß, mehr über diese Person Susan Sontag zu erfahren. Ohne tatsächlich je ein großer Bewunderer gewesen zu sein, auch ihrer Karriere hatte ich nicht wirklich verfolgt, stießen ihre Werke einem immer wieder ins Auge. Doch es war vielmehr eine Art Geist, der durch die Bücherregale schwebte. Schriftstellerinnen wie Joan Didion, Lucia Berlin oder Dorothy Parker weckten mehr Interesse bei mir, doch Susan Sontag war irgendwie immer da, auf der Liste der Werke, die man noch lesen sollte sozusagen. Ich wusste also wenig bis gar nichts von Susan Sontag.  
Benjamin Moser, Jahrgang 1976 ist ein einmaliges Werk gelungen, dass einen von der ersten Seite an sofort fesselt. Zu gerne möchte man dieses Buch Susan Sontag selbst zu lesen geben. 

Sontag, die am 16. Januar 1933 als Susan Lee Rosenblatt geboren wurde, liebte Bücher, Filme und Musik und sie liebte das Träumen. Dort, in diesen Welten fühlte sie sich geborgen. Bereits mit neun Jahren lebte sie praktisch "monatelang voller Kummer und Spannung" in ihrer fünfbändigen Ausgabe von Les Misérables. Sie war ein besonderes Kind, sehr belesen und sehr intelligent, fühlte sich dadurch gerade in jungen Jahren unter gleichaltrigen etwas unterfordert und genervt. Man könnte sie als introvertiert beschreiben, doch stets mit dem Drang, Mauern zu durchbrechen. Eine Art ruhelose Seele mit einem hellwachen Verstand, der immer auf Hochtouren lief. Mit zehn Jahren war sie bereits achtmal in vier verschiedenen Staaten umgezogen. Neue Umgebungen, neue Schulen, neue Freunde. Ein ständiger Wechsel. Doch sie wollte beliebt sein, hatte Sorge, so äußerste sich einst ihr Sohn David Rieff, irgendwann eine Außenseiterin zu werden und doch hatte sie es auf ihre eigene Art und Weise angestrebt genau das zu sein: eine Fremde, eine Außenseiterin.

Ihr Vater starb als Susan fünf Jahre alt war. Von ihrer Mutter erfuhr sie das erst Wochen später. Einst gut situiert gelebt, zerfiel das einstige Geschäft der Rosenblatts, das sie sich in China aufgebaut hatten. Doch unter den gesunden Mittelstand fiel Susans Mutter nie. Sie fiel nur in ein emotionales Loch, das sie ab dem Tod von Susans Vater Jack, mit sehr viel Alkohol versuchte zu stopfen. Sieben Jahre später heiratete Susans Mutter Mildred einen Captain der US Army. Sie traf Nathan Stuart Sontag in Tucson, Arizona, wo Mildred mit ihren beiden Töchtern und ihrem Dienstmädchen damals lebte. Aus Susan Rosenblatt wurde Susan Sontag. Diese ganz besondere Schriftstellerin, die eine so spannende, wie auch komplexe und nicht immer sympathische Persönlichkeit besaß. 
Ihre Jugendjahre verbrachte sie im San Fernando Valley, das gleich vor den Toren des damals so glamourösen und vielversprechenden Los Angeles der 40er Jahre lag. Zu jener Zeit entwickelte sie eine große Bewunderung für Thomas Mann, der, aus Nazideutschland geflüchtet, nun in Pacific Palisades, Südkalifornien lebte und den sie auch besuchte. Man könnte viel aus diesem Buch erzählen, zum Beispiel von ihrer Inszenierung des Theaterstücks Warten auf Godot von Samuel Beckett im vom Bürgerkrieg gezeichneten Sarajevo im Jahr 1993. Das Thema "Krieg" ließ sie nie ganz los. 
Susan war vielseitig, sie trat beispielsweise bei der US Comedy-Show Saturday Night Live auf oder hatte einen kleinen Gastauftritt in Woody Allens Film Zelig
Während ihrer Studienzeit in Berkeley lernte sie den Vater ihres Sohnes kennen. Mit 19 wurde Susan Sontag bereits Mutter. 
Diese Sue ist nicht einfach zu greifen und um eine Biografie über so eine Person zu schreiben, bedarf es dieser sprachlichen und erzählerischen Klasse, wie sie Benjamin Moser zweifelsohne besitzt. Selbst Menschen, die sich bisher wenig mit Susan Sontag beschäftigt haben, sollten einen Blick in dieses Buch werfen. Absolut gigantisch. Eine der besten Biografien, die ich je gelesen habe. Der Blogue verneigt sich. 

Sontag zeigte auf, wie Metaphern das Ich formen und wie sie es dann verformen können; wie Sprache trösten und wie sie zerstören kann; wie Darstellung trösten, aber auch obszön sein kann; warum selbst große Interpreten gegen Interpretation sein sollten. Und sie warnte vor den Mystifizierungen von Fotografien und Porträts - auch denen von Biografen. 

Benjamin Moser
SONTAG 
Die Biografie

928 Seiten, ISBN 978-3-328-60159-3, Penguin Verlag, 40,00 Euro



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