Sex, Lügen und Tod

 


"Warum hat Anca ein Verbrechen gestanden, das sie nicht begangen hat?", fragt die Verteidigerin und beantwortet, bevor die Jury ins Grübeln kommt, selbst, warum die blinzelnde Teenagerin eine Lügengeschichte erzählt hat, das sie das Leben kosten könnte. 
"Weil Ancas Zwillingsschwester Stephana, der dominierende Part in dieser kranken Konstellation, ihr das Geständnis befohlen hat. Um zehn nach fünf, wenige Minuten, nachdem die Feuerwehrleute die Flammen gelöscht hatten, kam Stephana von ihrem Nebenjob bei Popeys nach Hause. Tim erzählte ihr, dass Caleb tot und Anca daheim gewesen sei. Hat Stephana geweint? Hat sie geschrien? Hat sie überhaupt gefragt, wie das Feuer ausgebrochen ist? Nein. Sie rannte in den Hinterhof, um ihre Schwester zu suchen.

Der Prozess um eine autistische Teenagerin, die ihren kleinen Adoptivbruder verbrannt haben soll, stellt die Bühne dar, für eine besondere Liebesaffäre, die sich zwischen zwei Geschworenen abspielt. C-2 und F-17, so ihre Bezeichnungen in der Jury, begegnen sich zum ersten Mal, als sie als Geschworene für jenen brisanten Fall ausgewählt werden. C-2 ist Fotografin und mit einem hoch angesehenen Journalisten, der allerdings mittlerweile gesundheitliche Probleme hat verheiratet. F-17 ist Anatomieprofessor und Single. Schon früh erwacht das Begehren seitens C-2 für ihren Mitgeschworenen, der sofort anbeißt. Ein kompliziertes und doch so einfaches Katz-und-Maus Spiel der Gefühle entwickelt sich, zwischen Leidenschaft und manchmal, so wie es den Anschein macht, dem puren Reiz eines Liebesdramas, das die Zeit einfach schneller und spannender vergehen lässt. 

Es ist Freitagabend bei TGI-Friday's. Alkohol zum Essen ist erlaubt, solange die Geschworenen die Drinks selbst bezahlen. Alle sind in Feierlaune. Morgen ist Besuchstag für Familienmitglieder.
C-2 bestellt einen Martini. Sie vermisst ihren Ehemann schrecklich, aber sie vermisst es nicht, ihm jeden Morgen zu helfen, die Pillendose zu füllen, und dann über den Küchenboden zu kriechen, um die Pillen zu suchen, die er fallen gelassen hat. Wenn sie ganz ehrlich ist, fürchtet sie sich vor seinem Besuch.
Als sie und F-17 nach dem Abendessen am Restauranteingang in Sichtweite des Wachmanns rauchen, sagt er: "Du hast mir noch keine Antwort gegeben. Darf ich heute Abend vorbeikommen?"
"Mein Mann kommt morgen", sagt sie.
"Bis dahin bin ich weg."

Während in der einen Geschichte von Jill Ciments Roman Staatsanwaltschaft und Verteidigung versuchen einen Justizfall zu klären, stoßen in der anderen zwei erwachsene Menschen an die Grenzen ihrer Vernunft. Lust und Begehren beherrschen ihren Alltag, in einem speziell für Geschworene reservierten Motel. Doch welche Geschichte will Jill Ciment eigentlich erzählen? Sie erzählt eine, vollkommen unabhängig von der anderen. Jede würde für sich wohl auch funktionieren und doch hält Ciment so den Spannungsbogen aufrecht. Die Dialoge und Figuren sind überzeugend, wenn auch teils etwas leichtsinnig und tragen den Leser gut durch jedes Kapitel hindurch. 200 Seiten genügen ebenfalls um Ciments "Anatomie eines Prozesses" abzuschließen. 
Entwickelt sich mehr aus jener Liebesaffäre? Wird am Ende das junge autistische Mädchen, das zusammen mit ihrer Zwillingsschwester in Rumänien adoptiert wurde, frei- oder schuldig gesprochen? Wer trägt jeweils die Schuld? Wer handelte nachlässig? Schuld, Wut, Verzweiflung und sehr wenig Hoffnung scheint mal subtil, mal heftig durch jede Seite hindurch. 
US-Autorin Jill Ciment, deren letztes Buch in Deutschland vor fast 20 Jahren erschien, gelingt eine schöne kleine literarische Mischung aus Justiz- und Liebes-Drama. 

Jill Clement
ANATOMIE EINES PROZESSES
200 Seiten, ISBN 978-3-7472-0192-3, ars vivendi, 20,00 Euro


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