Über das Verstehen

 


In meiner Erinnerung gibt es einen dunklen Raum, dessen Tür weit geöffnet ist, wie der Schlund einer Höhle. In der Mitte glänzen metallene Stäbe. An den Wänden recken sich Reihe um Reihe ledergebundener Bücher bis zur Decke, ihre Buchrücken eine Variation gedeckter Farben: das Blau einer alten Fahne, das Grün des Meeres, das Rot von getrocknetem Blut. Es handelt sich um Rechtsregister, die Art von Büchern, die man in der Bibliothek jeder Anwaltskanzlei des Landes finden kann. Jahrzehntealte Gerichtsentscheidungen sind darin verzeichnet. Jedes dieser Bücher enthält unzählige Geschichten, unzählige Leben - wer hat was getan, und wer musste den Preis dafür zahlen?

Ein schrecklicher Mord in einem kleinen Ort im US-Bundestaat Louisiana, im Jahr 1992 veränderte das Leben einer jungen Jurastudentin.  Allerdings erst elf Jahre später. Es war 2003 als Alex Marzano-Lesnevich, noch mitten im Studium, ein Praktikum in einer Kanzlei in New Orleans antrat und das Verhörvideo des verurteilten Kindermörders Ricky Langley sah. Langley war einst zum Tode verurteilt worden, das Urteil wurde dann aber 2003 wieder aufgehoben. Genau zu dieser Zeit wird die junge Alex, die bis dato gegen die Todesstrafe ist auf diesen brutalen Fall aufmerksam. Es ist genau dieser Fall, dieser Ricky Langley, der sie an ihre eigene Vergangenheit, an ihre Kindheit und ihre Jugend und all die traumatischen Erlebnisse aus dieser Zeit erinnert. Den ersten Teil ihres autobiografischen Buches schließt Autorin Alex Marzano-Lesnevich mit den Worten: Ich will - ich muss - verstehen. Und genau darum geht es in dieser großartigen Verbindung aus Biografie und True Crime Literatur. Ums Erzählen und ums verstehen, auch wenn es manchmal schwer ist. 

Als ich anfing, diese Geschichte zu schreiben, dachte ich, es sei wegen des Mannes in der Videoaufzeichnung. Ich dachte, es sei wegen Ricky. In ihm sah ich meinen Großvater. Ich wollte verstehen. 
Aber jetzt denke ich, dass ich um Lorileis willen schreibe. Ihre Geschichte endete nicht an dem Tag, an dem Richard sie im Hotelzimmer umarmte, während auf der anderen Straßenseite Ricky in Handschellen abgeführt wurde. 

Lorilei Guillory ist die Mutter des damals ermordeten 6jährigen Jeremy und sie ist es auch, die letztendlich die Polizei auf die Spur des Mörders führte. Jener Mann, der der erste war, den Lorilei ansprach, ob er vielleicht ihren Sohn kürzlich gesehen hatte. Es war der Mann, der ihr einen Drink zur Beruhigung gab, während die ganze Stadt und die Polizei nach ihrem vermissten Jeremy suchte und für den sie dann beim Mordprozess gar Mitleid aufbrachte, als sie sich erneut in den Zeugenstand setzte und sagte: "Obwohl ich jeden einzelnen Tag den Todesschrei meines Kindes höre, kann ich auch Rickys Hilfeschrei hören." Auch über die Kindheit und die Eltern des Täters erfahren wir einiges. Die Armut, die Enttäuschungen, die Tragödien, so wie es sich eine Generation später wiederholte. So wie es auch Lorilei Guillory erfuhr. Ich könnte noch so viel mehr aus diesem Buch berichten, aber tut euch einen Gefallen und lest es selbst. 
"Verbrechen und Wahrheit" ist ein faszinierender Bericht über zwei Verbrechen. Eines endete tödlich, das andere hinterließ seelische Wunden, die Alex Marzano-Lesnevich mit diesem Werk versucht zu verarbeiten. Eindringlich und ehrlich. In unaufgeregtem Ton, mit viel Gespür für jede einzelne Person und jede Situation, mag sie auch noch so kompliziert oder furchtbar sein, schreibt sie ihre persönliche Geschichte, parallel verlaufend zum Mordfall des Jahres 1992 auf und erschafft beim Lesen einen extrem spannenden Film im Kopf. Eine wahre True Crime Perle. Einfach immer genau auf den Punkt gebracht und mitreißend bis zur letzten Seite. Fantastisch. 

Alex Marzano-Lesnevich
VERBRECHEN UND WAHRHEIT
390 Seiten, ISBN 978-3-7472-0190-9, ars vivendi, 23,00 Euro





Kommentare