Jetzt und danach


Es gibt immer ein Später, das weiß ich jetzt. Zumindest bis wir sterben. Dann ist wohl alles andere vorher.
Ich heiße Jamie Conklin, und einmal habe ich einen Thanksgiving-Truthahn gemalt, den ich für saugeil hielt. Später - und zwar nicht viel später - stellte ich fest, dass er eher saumäßig misslungen war. Manchmal ist die Wahrheit echt beschissen.
Das Ganze hier ist wohl eine Horrorstory. Also dann mal los.

Tja, was wird wohl später sein? Was kommt noch? Möglicherweise gräbt der Autor aus Maine gerade ein wenig tiefer und denkt ein wenig bzw. mehr als sonst, über die eigene Zukunft nach? Vielleicht auch über das eigene Ende? Na gut, ein bisschen viel Spekulation, was die Beweggründe Kings sein mögen, diesen, für seine Verhältnisse kurzen Roman geschrieben zu haben. 
Worum geht es denn zunächst einmal? Es geht um die übersinnlichen Fähigkeiten des kleinen Jamie Conklin, der im Alter von 6 Jahren das erste Mal einen Toten sieht. Als seine Mutter, die Literaturagentin Tia in finanzielle Schwierigkeiten gerät und dann auch noch ihr bestes Pferd im Stall, der Bestsellerautor und Schöpfer der im Buch genannten Roanake-Reihe Regis Thomas dahinscheidet, ist Jamie gefragt, seine besondere Gabe einzusetzen, um dem verstorbenen Autor sein abschließendes Werk der Erfolgsreihe aus den Rippen zu leiern. Dies sollte auch nicht allzu schwer sein, denn die Toten in Kings neuem Buch können einfach nicht lügen, sprich, sie müssen einfach immer Rede und Antwort stehen. Wie praktisch also.
"Später" ist eine Geschichte, die sich fast wie ein leise und eher unaufgeregte Verabschiedung von Stephen King liest. Die Story ist gut zwar ganz ordentlich zusammengefasst und auch ziemlich nett erzählt, aber den Schwung und die Spannung, die King noch in seinem letzten Roman "Das Institut" versprühte, ist hier leider nicht vorhanden. 
Es gibt einen kurzen Verweis auf den berühmten Jungen aus "The Sixth Sense", an den man wahrscheinlich zwangsläufig denken muss beim Lesen des Buches, aber der kleine Cole Sear aus dem Film ist dann doch etwas vielseitiger als der kleine Jamie Conklin. 
King hat ja schon viel Erfolg damit gehabt, ganz besonders Kinder in die Hauptrollen seiner Bücher zu schreiben, aber diesmal wirkt alles leider etwas einfalls- und auch irgendwie leidenschaftslos. 
Die harte King- Fangemeinde wird das neue Buch wohl trotzdem feiern, aber Geschichten des Horror-Meisters wie "Das Mädchen" oder "Joyland" beispielsweise, haben meiner Meinung nach bessere kleine oder junge Helden und Heldinnen geschaffen. 
"Später" hat seine Momente und Stärken, ist aber alles in allem eher ein kurzweiliger Spannungstrip, der leider sehr schnell verblasst und viel mehr die Freude auf Kings nächsten Roman weckt - denn der wird hoffentlich besser. 

Stephen King
SPÄTER
304 Seiten, ISBN 978-3-453-27335-1, Heyne Verlag, 22,00 Euro



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