Geister

 

An einem solchen Nachmittag fragte ich sie, ob sie an Geister glaube. "Wahrscheinlich nicht", sagte ich. "Schließlich sind Sie Wissenschaftlerin und so."
Sie lachte. "Ich bin Lehrerin, keine Wissenschaftlerin."
"Sie wissen schon, was ich meine."
"Ich glaube ja, trotzdem bin ich eine gute Katholikin. Das heißt, ich glaube an Gott und die Engel und eine spirituelle Welt. Was Exorzismus und Besessenheit von Dämonen angeht, bin ich mir nicht sicher, das kommt mir ziemlich weit hergeholt vor, aber Geister? Sagen wir mal, da bin ich unentschieden. Allerdings würde ich nie an einer Séance teilnehmen oder mit einem Ouija-Brett rumspielen."
"Wieso nicht?"
Wir reinigten gerade die Spülbecken, was eigentlich die Schüler vom Chemiekurs erledigen sollten, bevor sie ins Wochenende gingen, aber praktisch nie taten. Ms. Hargensen hielt inne und lächelte. Vielleicht ein bisschen verlegen. "Wer von der Wissenschaft herkommt, ist nicht immun gegen Aberglaube, Craig. Allerdings halte ich nichts davon, mich mit etwas zu beschäftigen, was ich nicht begreife. Meine Großmutter hat immer gesagt, man soll nicht rufen, wenn man keine Antwort will. Das habe ich immer für einen guten Rat gehalten. Warum fragst du?"
Ich würde ihr bestimmt nicht verraten, dass die Sache mit Kenny mir immer noch im Kopf herumging. "Ich bin bei den Methodisten, und da spricht man vom Heiligen Geist. Daran hab ich gedacht, glaube ich."
"Tja, wenn es tatsächlich Geister gibt, dann sind die bestimmt nicht alle heilig", sagte sie.

(aus "Mr. Harrigans Telefon")

Geister, Dämonen, Monster und Mörder. Die Welt des Stephen King. Einfach nicht totzukriegen und Rezensionen könnte man fast als überflüssig abtun, weil die Fangemeinde so extrem riesig ist, dass jeder Titel sowieso wie geschnitten Brot verkauft wird, dennoch möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf einen alten Meister und sein aktuellstes Werk hinweisen. Ein Blick in die Vergangenheit anhand eines neuen Fundstücks sozusagen. 
Es passiert nicht selten, dass einige Künstler irgendwann an ihre großen Erfolg nicht mehr anknüpfen können, dennoch gibt man ihnen immer wieder die Chance, indem man sich ihre neuen Filme im Kino anschaut oder ihre neuen Bücher liest. Die Neugier bleibt am Leben und das ist auch gut so. Ehemalige Eindrücke haben sich entsprechend festgesetzt, dass man bei bestimmten Namen immer wieder am Regal stehen bleibt und interessiert das Buch aufschlägt. Na, kann er es noch? Was hat er denn jetzt noch so im Ärmel? 
Kings letzter Roman "Das Institut" war mehr oder weniger eine Hommage an die Fernsehserie "Stranger Things" und trotzdem konnte die Geschichte überzeugen, was nicht für alle Bücher davor galt. Nun bewegt er sich wieder auf kürzeren Wegen mit dem Buch "Blutige Nachrichten" (erscheint am 9. August auch als Taschenbuch) und es sind insgesamt vier blutige Nachrichten geworden, die der Autor seinen Lesern überbringen möchte...

Da hätten wir also Nachricht Nummer 1: "Mr. Harrigans Telefon". Seit der Erfindung des Smartphones hat sich einiges für uns, was unseren Alltag betrifft geändert. Vor allem natürlich der ständige Zugriff auf Informationen und eine sehr vereinfachte und schnelle Variante der Kommunikation. Mit wenigen Klicks wird eine Nachricht verschickt. Zu jeder Zeit, von überall her. Zu jeder Zeit? Von überall her? Nun, manche Zeiten und Orte mögen auch im digitalen Zeitalter noch äußerst ungewöhnlich klingen. Zum Beispiel, wenn der Absender der Nachricht einige Meter tief und tot in seinem Grab liegt. 
King verbindet in dieser Story traditionelle Geistergeschichten mit der modernen, weltweit vernetzten Zeit. Nicht zu kurz, nicht zu lang. Gut besetzt und erzählt. Auf knapp 110 Seiten gibt es klassisches King- Gruselkabinett für späte Stunden und der neugierige, gutmütige junge Protagonist darf natürlich auch nicht fehlen. 

In der zweiten Nachricht mit dem Titel "Chucks Leben" geht es um einiges verworrener zur Sache. Während des Lesens der ersten Seiten merkt man schon, dass dies keine konventionelle Stephen King Story ist. Weniger Gruselelemente und blutige Szenen, viel mehr Mystery und Tiefe, eine fast schon philosophische Story. Durch die ungewohnte Erzählweise hält der Spannungsbogen bis zum Ende durch und dann werden sich wohl die Geister scheiden. Wahrscheinlich nicht jedermanns Sache, aber durchaus eine interessante Idee und mal was Neues vom Horrorschreiber. 

In Geschichte Nummer 3, "Blutige Nachrichten", tritt eine alte Bekannte aus Stephen King Geschichten wieder auf die Bühne. Es ist Holly Gibney, wurde für "Mr. Mercedes" erschaffen und spielte eine ziemlich große Rolle in Kings "Outsider". Nachdem ihm diese Figur so ans Herz gewachsen ist und auch viele Leser sie zu lieben lernten, widmet King ihr hier eine eigene Story in der es um eine Paketbombe an einer Schule geht. Massaker, Panik, Amok, viel Spannung, guter Stoff und atmosphärisch wieder dort angesiedelt, wo sich eben auch schon der mörderische Mercedesfahrer und der dämonische Outsider befanden. 

Am Ende des Buches nimmt King noch einmal Stellung zur Entstehung jeder einzelnen Geschichte. Wie allerdings jene geistige Erleuchtung mit dem schönen Titel "Ratte" entstand, da wisse er auch nicht viel weiter. Er habe überhaupt keine Ahnung, wie diese Geschichte zu ihm kam. "Ich weiß nur, dass sie mir wie ein unheilvolles Märchen vorkam und mir die Chance gab, ein bisschen über die Geheimnisse der Vorstellungskraft und darüber zu schreiben, wie sich das konkret auf dem Papier ausdrückt", so King. Irgendwie derartig zusammengefasst bringt es die Story wohl auf den Punkt. Englischlehrer Drew ist Autor und hat mit einer Schreibblockade zu kämpfen. 

Ja, wir haben in diesem Werk wieder viele typische Kingsche- Charaktere finden können. Von daher geht der Spaß nicht verloren aber alles irgendwie eben altbewährt (mit Ausnahme von "Chucks Leben" vielleicht), aber dennoch hat Stephen King mit diesem Buch seine Leser nicht enttäuscht und es ist doch auch irgendwie immer mal wieder eine Freude. Ja, mal mehr, mal weniger. Manche Dinge lassen nach, manche werden stärker und manches bleibt gleich. King lesen ist wie ein Besuch in der alten Stammkneipe. Nicht immer was neues, aber oft auch sehr angenehm und unterhaltsam...

Er drehte die Lampe aus, um Brennstoff zu sparen, dann setzte er sich in den Ohrensessel, in dem er seine Abende verbrachte und Taschenbücher von John D. MacDonald oder Elmore Leonard las. Jetzt war es zum Lesen nicht hell genug. Bald würde es draußen stockfinster sein, und das einzige Licht in der Hütte war das unruhige rote Auge des Feuers, das hinter dem Holzofenfenster sichtbar war. Drew zog seinen Sessel ein bisschen näher zum Ofen und schlang die Arme um sich, um sein Frösteln zu unterdrücken. Er sollte seine feuchten Sachen ausziehen und zwar sofort, wenn er nicht noch kränker werden wollte. Darüber dachte er immer noch nach, als er einschlief.

(aus "Ratte")

Stephen King
BLUTIGE NACHRICHTEN
560 Seiten, ISBN 978-3-453-27307-8, Heyne Verlag, 24,00 Euro








Kommentare