Doppelvorstellung

 


Rick Daltons 1964er Cadillac Coupe de Ville fährt, mit seinem Fahrer Cliff Booth am Steuer, aus der Tiefgarage des William-Morris-Gebäudes auf den Charleville Boulevard und biegt dann einen Block weiter in den Wilshire Boulevard ein.
Während der altehrwürdige Cadillac und seine altehrwürdigen Insassen die belebte Straße hinunterfahren, marschieren Vertreter der Hippie-Subkultur, die die Stadt wie ein Heuschreckenschwarm überfallen haben, den Bürgersteig entlang, in Decken und Gewänder gehüllt und mit schmutzigen nackten Füßen. Der beunruhigte Rick Dalton, der seinem Kumpel Cliff den Grund für sein Unbehagen noch immer nicht mitgeteilt hat, blickt aus dem Fenster und kommentiert die Hippie-Passanten voller Abscheu. "Sieh dir nur diese verdammten Spinner an. Weißt du, früher war diese Stadt ein verdammt schöner Ort zum Leben. Und jetzt - sieh sie dir an." Dann bemerkt er mit faschistoider Verachtung: "Ich schwöre, man sollte sie an die Wand stellen und allesamt abknallen."
Sie biegen vom belebten Wilshire Boulevard ab und fahren auf ruhigeren Wohngebietsstraßen zurück in Richtung Ricks Haus am Cielo Drive. Rick schnappt sich eine Zigarette aus seiner Packung Capitol Ws, steckt sie sich in den Mund, zündet sie mit seinem Zippo an und lässt den silbernen Deckel auf seine Knallharter-Typ-Art zuschnappen. Während er den Rauch einer Viertelzigarette einsaugt, sagt er zu seinem Fahrer: "So, jetzt ist es offiziell, altes Haus." Seine Nase macht ein lautes Schniefgeräusch. "Ich bin weg vom Fenster."

(aus Kapitel 3, Cielo Drive)

Manche mögen ihn, manche können ihn nicht leiden und für manche sind seine Werke einfach gänzlich uninteressant. Oft liegt aber auch die Sympathie und/oder Anerkennung für seine Arbeit irgendwo dazwischen. An Quentin Tarantino scheiden sich halt die Geister. Jetzt hat er auch noch ein Buch auf den Markt gebracht, ein Buch zu seinem letzten Film und dem wohl vorletzten Film seiner Karriere. 
Seit seinem Überraschungshit "Reservoir Dogs" in den frühen 90ern und dem darauf gefolgten und von Presse und Publikum gefeierten "Pulp Fiction" ist man immer wieder neugierig auf ein Tarantino-Film geworden, mal mit zufriedenstellendem Ergebnis und mal eben weniger zufriedenstellend. Doch wie man jene Werke auch erlebt hat, eines von Tarantinos Erfolgsgeheimnissen ist, neben der Tatsache, anscheinend seit eh und je völlige künstlerische Freiheit zu genießen, dass es ihm ermöglicht wird, B-Movies, die zum Teil Hommagen an ältere Klassiker oder Remakes sind, mit verdammt guten Schauspielern zu drehen. Ja, und das kann eben schon sehr viel Spaß machen. 

Nun kann er ein Buch nicht mit Schauspielern besetzen. Die Charaktere müssen in den Köpfen der Leser Gestalt annehmen, allerdings ist das bei "Es war einmal in Hollywood" etwas anders. Es gab sie ja schon auf der Leinwand. Die Figuren sind also sofort für den Leser in all ihrer Pracht präsent. Nur die Geschichte ist an einigen Stellen etwas anders. Das Prinzip der "Buch zum Film"- Bücher, die mittlerweile fast ganz vom Markt verschwunden sind ist klar. Sollte der Film nicht auf einem Buch basieren, brachte man trotzdem eins heraus. Mehr oder weniger der Inhalt der ersten oder früherer Drehbuchfassungen erzählend. Tarantino selbst liebte diese Bücher, wie er in Interviews zugibt, schwärmt beispielsweise von "Buch zum Film" Titel wie "Orca - Der Killerwal". 
Nun hat er sich also einen weiteren Wunsch erfüllt und selbst das Buch zum Film geschrieben. Was leider bei der deutschen Ausgabe überhaupt nicht zur Geltung kommt, ist das besondere Design, das damals jene Filmschmöker zierte und das war eben der typische, einfache und schmale Paperbackstil mit entsprechenden Werbeanzeigen für ähnliche Titel im hinteren Teil des Buches. Sehr ähnlich eben der klassischen Pulp Literatur. Die deutsche Ausgabe wirkt in diesem Fall doch etwas zu edel muss man leider sagen.

Aber Tarantino liebt seine Geschichten und das merkt man auch bei diesem Buch. Es ist keine schnöde Nacherzählung des Films, sondern ein gut geschriebener Roman, wenn auch an einigen Stellen (schon wie im Film) etwas langatmigen Stellen. Dennoch werden Charaktere und Szenen in zum Teil ganz neuem Licht gezeigt, so als könnte Tarantino seinen Film ein zweites Mal drehen und jedem seiner Figuren noch einmal ins Rennen schicken. "Es war einmal in Hollywood" ist eine ganz klare Liebeserklärung an das Hollywood in dem er selbst aufgewachsen ist. Es ist das Hollywood der späten 60er und 70er Jahre. Die Stars, die Sternchen, die Hippies, die Manson Family, der Hollywood Boulevard, die Kinos, die Mode, die Autos und auch besonders die Musik. Das alles schimmert auch durch die 416 Seiten durch und schafft es den Leser bei Laune zu halten. 
Unterm Strich kann man sagen, dass Fans seiner Filme, seiner Drehbücher, seiner Erzählweise und seiner Dialoge das Buch sehr genießen werden.  

Also, hier nun die zweite Vorstellung des Tarantino- Double Feature...ganz ohne Altersbeschränkung!

Quentin Tarantino
ES WAR EINMAL IN HOLLYWOOD

416 Seiten, ISBN 978-3-462-00228-7, Kiepenheuer & Witsch, 25,00 Euro




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