Schüsse

 


Wie das Wasser des Flusses, die Autos auf dem Highway und die Schnellzüge auf ihrem Weg nach Santa Fe war alles Dramatische, in Gestalt außergewöhnlicher Ereignisse, stets spurlos an dem kleinen Ort vorbeigezogen. Seinen zweihundertsiebzig Einwohnern war das nur recht, konnten sie auf diese Weise doch ungestört ihrem Alltag nachgehen - arbeiten, jagen, fernsehen, Schulfeste, Chorproben, Vereinstreffen des 4-H Club. Doch dann, in den frühesten Stunden jenes spätherbstlichen Sonntagmorgens, brachten fremde Laute die gewohnten nächtlichen Geräusche Holcombs - das klagende Heulen der Kojoten, das trockene Knistern umhertorkelnder Steppenhexen, das schrille Pfeifen einer Lokomotive in der Ferne - schlagartig zum Verstummen. Niemand im schlafenden Holcomb hörte sie - vier Gewehrschüsse, die, alles in allem, sechs Menschen das Leben kosteten. Seither jedoch ertappten sich Leute, die zuvor derart vertrauensselig gewesen waren, dass sie es nicht für nötig hielten, auch nur ihre Haustür zu verschließen, dabei, wie sie sie in ihrer Fantasie immer und immer wieder Revue passieren ließen - jene unheilvollen Explosionen, die ein Feuer des Misstrauens entfachten, in dessen Schein viele alteingesessenen Nachbarn einander plötzlich skeptisch und wie Fremde beäugten.

- Kaltblütig, Truman Capote


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