Frauen

 


In ihrer Straße ist niemand unterwegs, was keineswegs ungewöhnlich ist. Ein Auto rast kreischend und schlingernd irgendwo durch eine Seitenstraße. Der Wind, der die Telefonleitungen in Bewegung setzt, klingt, als ob irgendwer Metall zersägen würde.
Sie öffnet ihr Gartentor. Das Außenlicht geht an und macht den unordentlichen Bougainvillea-Strauch und die Weinranken sichtbar, die ihn überwuchern. Sie tastet in ihrer Handtasche herum. Ihr Herz rast. Der zweite Drink hat richtig reingehauen. Sie lässt den Schlüssel fallen. Geht in die Hocke, um ihn aufzuheben. Und da, vor dem Hauseingang neben einem Bleistiftstrauch, liegen drei tote Kolibris.

(Erster Teil, Dorian, 2014)

Das ist Dorian. Eine von Ivy Pochodas Protagonistinnen aus ihrem neuesten Roman "Diese Frauen". Pochoda erzählt mit einer feinen Beobachtungsgabe von diesen Frauen. Sie lässt uns ihre Gefühle fühlen, ihre Gedanken denken und jeder Herzschlag pocht über jede der etwas über 350 Seiten. Ivy Pochoda ist eine begnadete Autorin, das haben bereits ihre Werke "Wonder Valley", (2019 in Deutschland erschienen) und "Visitation Street" (2020 bei uns erschienen) gezeigt und gleich vorweg, wer diese beiden Bücher mochte, wird dieses hier lieben. 
Wenn man sich den Klappentext zu "Diese Frauen" durchliest, geht man vielleicht erstmal von einem spannenden Kriminalroman aus: "Mehrere Frauenleichen werden entlang der Western Avenue von Los Angeles entdeckt, doch das LAPD interessiert sich nicht besonders für die Toten, die immerzu als diese Frauen bezeichnet werden..." Doch es ist mehr als das. Mehr als ein Krimi. Pochoda gibt der Story eine zusätzliche Schärfe und ihren Frauen nicht nur Namen, sondern erzählt ihre Geschichten auf beeindruckende Weise. 

Dean wirft sie raus, und Julianna taumelt aus dem Fast Rabbit. Sie fängt sich wieder, ehe sie auf die Western stolpert. 
Die Straße ist wie ausgestorben. Es riecht nach Rauch und Asche. Sie wirft einen Blick auf ihr Handy. Fast ein Uhr. Kundschaft gibt es jetzt nur im Fast Rabbit oder vor einem der beiden Motels, wo die Straßenmädchen arbeiten. Aber an diesen Orten ist für sie nichts zu holen. Nichts hält sie mehr auf der Western. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Nicht in das Apartment, in das Coco oder Marisol oder sonst wer mit viel Bargeld und Lust auf noch mehr Party zurückkehren wird, sondern zu ihrem Elternhaus in der 29th Place.

(Zweiter Teil, Julianna, 2014)

Die Straßen und dunklen Gassen, die Bars und die Nachtschwärmer. Los Angeles zeigt seine dunkle Seite und trotzdem erleben wir Hoffnung, wenn auch in eher kleinen Dosen. Wir können die Bordsteine berühren und die Palmen an den Straßenrändern sehen. Das Los Angeles, fernab des Glamours, wird in diesem Buch lebendig und mit jeder Seite steigt das Verlangen tiefer einzutauchen, auch wenn es einen ins Verderben führt. Pochoda zeichnet ihre Figuren so genau, dass sie einen von den Seiten aus förmlich anspringen. Wunderbares Kopfkino mitten im Wahnsinn zwischen Überlebenskampf und Mord. 

Es gibt auf alles eine Antwort. Meist ist die Antwort sehr einfach. Es sind die Menschen, die alles verkomplizieren. Sie fühlen sich dadurch wichtiger, schlauer. Es ist leicht, den Intellekt mit einfachen, aber unlösbaren Aufgaben zu beschäftigen. Sie übermäßig aufzublasen.
Cops zum Beispiel denken ständig über Motive nach. Aber das Motiv ist nebensächlich. Am Ende des Tages zählt nur, wer die Tat begangen hat.

(Dritter Teil, Essie, 2014)

Einfach ein literarischer Knaller. Eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Doch damit ist noch lange nicht genug gesagt. "Diese Frauen" ist ein grandioses Werk. Traurig, zornig, düster, morbide, fesselnd, poetisch, einfach auf den Punkt gebracht und überaus authentisch. Kein Wort zu wenig und kein Wort zu viel. Doch Pochoda beschreibt es wohl am besten im letzten und vierten Teil der Geschichte:

Diese Frauen. Dieses mitreißende Chaos, das sie ausstrahlen. Die Selbstsicherheit, die nach und nach Leere Platz macht. Die Macht, die in Verzweiflung übergeht. Die Art, wie sie die Betrachter herausfordern, konfrontieren und in Versuchung führen. Ihre Stärke und die Hoffnungslosigkeit. Das ist Kunst. 

(Vierter Teil, Marella, 2014)

Was oder wer kann da noch etwas hinzuzufügen, außer vielleicht Feelia, die Frau, die die Geschichte beginnt und beendet...

Da draußen wartet eine ganz neue Welt auf mich. Ich werde die Fenster aufreißen und den Tag begrüßen. Ein neuer Anfang. Ein scheißschöner neuer Anfang. 
(Feelia, 2014)

Ivy Pochoda
DIESE FRAUEN
356 Seiten, ISBN 978-3-7472-0218-0, ars vivendi, 23,00 Euro






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