Irrfahrten

 


Ich glaube, man kann den Zeitpunkt, wann man ins mittlere Alter kommt, genau bestimmen. Es ist der Moment, in dem man sein Leben betrachtet, und statt dass sich wie früher ein großes Feld an Möglichkeiten, ein sich weitender Horizont vor einem öffnet, hat man das Gefühl, aus dem Schlaf zu erwachen oder, an einer Küste angeschwemmt, die Umgebung mit neuem Bewusstsein wahrzunehmen. Da befinde ich mich also, sagt man sich. Das ist aus mir geworden. Es ist der Moment, in dem man zum ersten Mal erkennt, dass sich der eigene Zustand - körperlich, intellektuell, sozial, finanziell - nicht mehr grundsätzlich verändern lässt und dass das, was bisher geschehen ist, zu großen Teilen den Rest der Geschichte bestimmen wird. Was man bisher getan hat, lässt sich nicht rückgängig machen, und viel von dem, was man auf die lange Bank geschoben hat, wird nie Wirklichkeit werden. Kurz, die Zeit ist endlich und eine schwindende Ressource. Und egal, was man tut, welche Freude man empfindet, in welchem Genuss man auch schwelgen mag, von diesem Moment an wird man nie mehr das fast unmerkliche Gefühl abschütteln können, dass man sich auf einem leicht abschüssigen Pfad befindet, hinein in die Finsternis. 

Die Odyssee eines amerikanischen Schriftstellers nimmt im Deuter Zentrum in Berlin so richtig Fahrt auf. Als Stipendiat soll er sein nächstes Buch in den traditionellen Räumlichkeiten des Kreativpalastes im Berliner Ortsteil Wannsee schreiben, doch wirklich an seinem Buch arbeiten tut er nicht. Er kann nicht, er will nicht. Zunehmend fühlt er sich immer unwohler in seiner neuen Umgebung, lässt sein Zimmer verkommen, macht Spaziergänge, sinnierte über das Leben, lauscht und beteiligt sich mit geballter Faust in der Hosentasche an den nervigen Gesprächen im Speiseraum des Deuter Zentrums und wird schließlich, eher zufällig auf eine brutale Polizei-Serie mit dem Titel "Blue Lives" aufmerksam. In einigen Gesprächen mit seiner Frau, die mit der kleinen Tochter in New York geblieben ist, deutet er einen möglichen Nervenzusammenbruch an. Doch was treibt ihn so in den Wahnsinn? Wohin führt ihn sein Weg? Was ist der Ursprung dieser inneren Unruhe?  

Hari Kunzrus neuestes Buch "Red Pill" erinnert irgendwie ein bisschen an klassische Selbstfindungstrips wie Salingers "Fänger im Roggen" oder noch etwas klassischer, wie James Joyces Ulyssus oder gar Dantes "Göttliche Komödie". Aber es scheint auch immer wieder der wilde literarische Geist durch, der beispielsweise bei Autoren wie Chuck Palahniuk gerne mal herumspukt oder man fühlt sich wie in einem Karussell intellektueller Spielereien wieder. Es herrscht also irgendwie Chaos, aber dieses Chaos kann auch durchaus sehr unterhaltsam sein und in Kunzrus aktuellstem Werk ist es das zuweilen, auch wenn die Geschichte einen ziemlich langen Anlauf braucht, um so richtig durchzustarten und selbst dann, als man denkt, jetzt könnte der Knoten platzen, verläuft sich alles wieder ein wenig. Doch auch diese zum Teil schleichende, fast schon lethargische Art entfacht wiederum eine besondere Atmosphäre, die durch Kunzrus sprachliche Kraft umso stärker wirkt. Schon in seinen früheren Werken wie "White Tears" (2017) oder "Götter ohne Menschen" (2020) punktet der im Jahr '69 in London geborene Autor durch diesen Stil, der aber nicht unbedingt jedermanns Sache ist. 

Hari Kunzru hat mal wieder ein sehr interessantes Buch geschrieben, das neugierig gemacht hat und das durch die Geschichte hindurch, die Neugier aufrecht erhält. Wild, chaotisch, tiefgründig, polarisierend und wunderbar geschrieben. Alles andere als eine bittere Pille!

Hari Kunzru
RED PILL
352 Seiten, ISBN 978-3-95438-134-0, Liebeskind Verlag, 22,00 Euro


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