Kämpferin

 


Ich bin in einer Stadt namens Selmer aufgewachsen, unten, wo Tennessee und Alabama sich treffen und irgendwie zu einem eigenen Land werden, in einem Haus, das sich die ersten sechszehn Jahre meines Lebens darauf vorbereitete, den Hügel hinunterzurutschen, was es, direkt nachdem ich ausgezogen war, auch tat. Daddy ist damals in einen Trailer gezogen und hat ihn, soweit man das mitbekam, kaum noch verlassen. Über meine Hochzeit mit Bullhead Jahre später und das alles will ich nicht groß reden. Weitere Narben.
Aber ich hab nicht all die Sachen gemacht, die man mir andichtet. Zumindest nicht alle.


Das ist Sarah Jane, eigentlich Sarah Jane Pullman, auch Pretty genannt, obwohl sie nach eigener Aussage gar nicht hübsch ist. Ja, und wie bereits geschrieben, kommt Sarah aus dem Süden, genaugenommen aus einer Stadt namens Selmer, dort "wo Tennessee und Alabama sich treffen". Ihr Vater zog, nachdem Sarah im Alter von 16 Jahren von zu Hause wegging in einen Trailer, den er daraufhin so gut wie gar nicht mehr verließ und ihre Mom war schon seit Sarahs zehntem Lebensjahr nur noch sporadisch anwesend. Doch Sarah weiß sich durchs Leben zu boxen, egal, welcher komische Typ ihr gerade mal wieder passiert ist...

Ich war im Bad und machte mich bettfertig, so gegen acht Uhr morgens, als er nach Hause kam. Er stand in der Tür und sah zu, trat dann hinter mich und legte die Hände um meinen Hals. Zunächst zärtlich, also ist es möglich, dass er es spielerisch meinte oder zumindest glaubte. Doch all meine Instinkte, alles, was ich in diesem Augenblick empfand, entschied sich für Letzteres. Ich hatte meine Haarbürste in der Hand. Ich wirbelte herum und rammte ihm den Stiel in den Hals.
Schalte deinen Gegner aus. Wenn er nicht atmen kann, kann er nicht kämpfen.

James Sallis' aktuelles Buch ist weniger ein Krimi, vielmehr ein Psychogramm einer jungen Frau, die mehr oder weniger durchs Leben fällt und sich hin und wieder mal an etwas festklammern kann, damit der Aufprall nicht zu hart wird. Er erzählt die Geschichte seiner Protagonistin recht sprunghaft, monologartig folgt man Sarah durch die Jahre, ohne manchmal wirklich genau festlegen zu können, ob man sie mögen soll oder nicht. 
Von ihrer Zeit beim Militär bis hin zum Posten des diensthabenden Sheriffs nimmt sie immer wieder Umwege, die zwar spannend im Ansatz sind, aber überwiegend etwas undurchsichtig. 
Sallis hatte mit Sicherheit viel Freude dieses Buch zu schreiben, denn auf jeder Seite blitzt ein wenig von dem Zauber durch, doch irgendwie schafft es die Geschichte nicht, sich wirklich durchzubeißen und den Hammer auf den Boden krachen zu lassen. Sarah Jane ist eine starke Figur und erinnert irgendwie ein bisschen an Larry Browns "Fay", doch Browns "Kämpferin" hat dann doch etwas mehr Überzeugungskraft. Bei Sallis sprühen zwar die Funken, doch ein Feuer wird leider nicht entfacht.

James Sallis
SARAH JANE
224 Seiten, ISBN 978-3-95438-137-1, Liebeskind Verlag, 20,00 Euro




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