Töten

 


Er stellte sich vor, dass sie während dieser bewusstlosen Zeit in ihre dunkelsten Abgründe hinabstieg, in der Hoffnung, dort Antworten zu finden. Es war, als würde Ihr Geist ihre inneren Maschinen komplett herunterfahren, damit sie alle Energie für die Suche nach der wichtigsten Antwort zur Verfügung hatte.
Das unterschied sie. Tabata wollte ihre Abgründe begreifen und besiegen, was ihr Hirn immer wieder überforderte und in die Blutleere trieb. Torben war anders, er überließ sich seiner Unterwelt. Er diente sich ihr sogar an. Er wäre an seiner Wut erstickt, wenn er ihr nicht hin und wieder Raum gab. Gern hätte er Tabata von sich erzählt. Von seiner dunklen Seite und den Rissen und Spalten in seinem Verstand. Von seinen Sehnsüchten und den Fragen, die nur sie beantworten konnte. So wie nur er auf ihre Fragen die Antworten wusste. Eines Tages würde sie ihre Wahrheit erfahren. Der Zeitpunkt würde kommen. Er musste sich nur gedulden.


Uli Brée ist eigentlich Drehbuchautor und beim Lesen seines neuen Romans kommt man irgendwie nicht drumherum, sich diese düstere Geschichte als Film vorzustellen. Kopfkino pur mit reichlich Wendungen und Charakteren, die sich fast ausnahmslos am Rande des Wahnsinns bewegen. Mit Kriminalgeschichten war Brée bisher eher nur als besagter Drehbuchautor unterwegs (er schrieb die Drehbücher zu einigen "Tatort"- Folgen beispielsweise). Nun also sein erster Krimiroman. 
Es geht um die Kriminalkommissarin Tabata Goldstaub und ihre Jagd nach einem verrückten Killer. Tabata leidet unter Ohnmachtsanfällen und muss sich jedes Mal erneut fragen, was in diesen Blackout-Momenten passiert ist. Auch als ein Jugendlicher von oben bis unten aufgeschlitzt aufgefunden wird und wie war die Sache mit dem "Riesen"? 

Nichts ist, wie es scheint. Ein Vorhang fällt, damit sich ein neuer zuziehen kann. Die Geschichte nimmt schnell Tempo auf und bleibt auf Kurs. Brées "Du wirst mich töten" ist ein fesselnder, fast schon klassischer Noir-Roman, der sich in erster Linie mit den Figuren beschäftigt. Bizarr, brutal, morbide, fast schon kitschig und doch so gekonnt überzeichnet, dass die Geschichte nicht Gefahr läuft, als herkömmlicher Wer-ist-der-Mörder-Krimi verwechselt zu werden. Wunderbar verdreht mit vielen Plot-Twists, alles verpackt in kleine böse Kapitel. 

Der Autor aus Nordrhein-Westfalen gewährt uns in diesen Momenten einen tiefen Einblick in jene dunkle Seelen, die er mit ganz feinem Werkzeug geschaffen hat. Hier wird man zwangsläufig zum Voyeur. Eine herrlich düstere Show. 

Uli Brée
DU WIRST MICH TÖTEN
288 Seiten, ISBN 978-3-99050-206-8, Amalthea Signum Verlag, 25,00 Euro


Kommentare